Die mit Tränen säen…

 

„Wer im Versteck des Höchsten wohnt, der bleibt im Schatten des Allmächtigen.“ (Psalm 91,1)

Ich war auf einer kleinen Tagung „irgendwo im Nirgendwo“ – es kam mir so vor, als sei ich in ein deutsches Äquivalent zu „Bethlehem“ gereist. Eine kleine Gruppe trifft sich in einem etwas heruntergekommenen Gemeindehaus. Es gibt keinen offiziellen Wegweiser zu dieser Stätte am Rande eines Industriegebietes – mit haushohen Dreckbergen im Hintergrund. Es ist für mich der perfekte Ausdruck dessen, was los ist: Die alten Strukturen, die mit immensem Kraftaufwand aufgerichtet und erhalten wurden, sind kollabiert, Hoffnungen und Träume, Beziehungen und Dienste sind zerbrochen wie morsches Holz, ungeheure Ernüchterung ist eingetreten, alle liefen schockiert auseinander. Wie konnte das geschehen, wo doch so große Prophetien gegeben worden waren und alle glaubten, hier wird das Reich Gottes gebaut?

Alles kam anders – gerade wegen dem Reich Gottes. Denn das Reich Gottes ist ja das Reich Gottes und nicht unser Reich. Es muss auch nicht gebaut werden, es ist schon fertig. Es wird sich nicht nach unseren Vorstellungen richten, sondern richtet uns nach seinen. Dieses „Gericht“ ist nicht einfach zu verkraften, denn es holt uns aus allen religiösen Wahnvorstellungen zurück auf den Boden der Wirklichkeit bzw. Wahrheit. Dorthin, wo wir sind, die wir sind und wo wir Gott sein lassen, der er ist. Dorthin, wo wir weder ihn noch uns gegenseitig instrumentalisieren für unsere frommen Ideale.

Der Weg hinunter zu den Wurzeln, zu den Ausgangspunkten unserer Scheinheiligkeit und Pseudo-Christlichkeit, ist desillusionierend und die Beschneidung zurück bis aufs gesunde Holz traumatisch. Aber einmal unten angekommen, wendet sich das Schicksal und – man mag es kaum glauben – nach der langen Nacht kommt ein neuer Morgen, nach dem Untergang der Aufgang. Nach der Schwere stellt sich eine Leichtigkeit ein, nach den Tränen kommt das Singen. (Darüber haben Brigitte und ich unser Buch „Das Elixier der Verwandlung“ geschrieben.)

„Die mit Tränen säen werden mit Jubel ernten.“ (Psalm 126,5)

Ich war müde auf dieser Tagung, sehr müde. Es war nicht nur eine natürliche Müdigkeit, sondern auch die Anteilnahme an den immensen Bewegungen, die im Geiste geschehen. Im Lobpreis sangen die Musikerinnen die Zukunft: Prophetisch sangen sie über Illusion und Realität, über Schmerzen und deren Verwandlung in Freude, über Sehnsucht nach Gott, die verzehrend ist. Ich staunte und freute mich wie ein Kind: Ich hörte den Geist und die Braut in diesen Gesängen und ich wusste, ein neues Gefäß wird geformt, ein neuer ‚Weinschlauch’ für den neuen Wein (Mt 9,17) gewoben.

Es gibt Grüppchen und Treffen wie diese im ganzen Land. Sie sind verborgen und für die Geschäftsmentalität der institutionellen Kirchen und Dienste uninteressant. Der Organisationsaufwand bei ihnen ist minimal, die Kosten marginal. Der Herr hält seine Hand über diese neue Saat einer neuen Kirche, die ganz anders aussieht als die, die wir gewohnt sind. Ich nenne sie die ‚Schattenkirche’, denn im Schatten des Höchsten findet sie ihre Heimat und bildet ihre heilige Gestalt in seiner Gegenwart aus. Sie vermag von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand und mit aller Kraft solche wunderbaren Worte zu sprechen:

„Wenn ihr meinen Geliebten findet, was wollt ihr ihm ausrichten? Dass ich krank bin vor Liebe!“ (Hohelied 5,8)

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