Mörder oder König?

Ein hoher Herr zog in ein fernes Land… Zuvor berief er zehn seiner Knechte und gab ihnen Mittel und sprach: Handelt damit, bis ich wiederkomme! Seine Bürger aber hassten ihn und schickten ihm hinterher und ließen ihm sagen: Wir wollen nicht, dass du König über uns bist. (Lukas 19,12-14)

Viele wollen die Mittel, die Gaben, die „Pfunde“, wie es viele übersetzen, aber den Besitzer und Geber wollen sie nicht. Seine Herrschaft lehnen sie ab. Man will durchaus den Thron, die Macht und Herrlichkeit; aber den, der auf dem Thron sitzt, will man nicht. Er stört die ganze schöne Kirchen-Hierarchie und ihre religiöse Arbeit und bleibt hoffentlich lange und weit weg, während wir die Geschäfte für ihn regeln! 

   Ich fürchte, dies ist ein sehr aktuelles Gleichnis, denn auch die moderne Gemeinde ist wenig geneigt, sich nach dem Herrn zu richten. Sie sieht in ihm den „Guten Hirten“, den Segner, Betreuer und Sozialarbeiter, der dem Menschen dient und nicht umgekehrt. Sein Königtum und seine Bestimmungen werden von einer humanistischen Kirche so zurechtgebogen, dass jedenfalls der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Wie wir Gott vermarkten und seine Gaben werbewirksam und gewinnbringend anwenden können – für uns – das ist von hohem Interesse. Die „Marktgesetze“ sind es, nach denen sich zu richten ist. Alles ist Geschäft. Und hat er nicht gesagt, wir sollen handeln?

   Das ist vielleicht etwas krass dargestellt, aber die Ignoranz gegenüber dem KÖNIG ist unübersehbar. Die Gebete in der Gemeinde sind voll von UNSEREN Anliegen, nicht den Seinen.

   Die Leute, denen Jesus „das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden“ erzählt, meinten, dass Jesus sogleich, wenn er nach Jerusalem käme, das Reich Gottes = die Königsherrschaft Gottes, etablieren würde. Als er dann in die Stadt einzieht, nehmen sie Palmzweige und rufen:

„Hosanna! Gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn und der König Israels!“ (Jh 12,12-13).

   Diesen Menschen gibt Jesus zu bedenken, dass sie womöglich gar nicht IHN meinen, sondern das, was sie sich von ihm versprechen. In Johannes 12 heißt es, dass „die Volksmenge Jesus entgegenging, weil sie davon gehört hatten, dass er Lazarus aus den Toten auferweckt habe. DARUM gingen sie ihm entgegen (Joh 12,17-18).

   Ja, wir wollen keinen König, der uns sagt, was wir tun sollen, sondern einen, der uns gibt, was wir haben wollen, frei nach dem Motto: „Ich, mich, meiner, mir – Herr segne uns vier!“

   Kaum ist Jesus in Jerusalem eingetroffen, schon verwüstet er den Tempel! „Ihr habt den Tempel zu einem Kaufhaus gemacht, zu einer Räuberhöhle!“ schimpft er und beendet das Geschäft, anstatt es anzukurbeln. Ernüchterung tritt ein, das gewohnte Murren kehrt wieder und bald schon heißt es „Kreuzige!“ und man nimmt doch lieber Barabbas als Jesus in Kauf… den Mörder anstatt den König.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments