Die Abweichung vom Original

Als aber die Volksmengen es erfuhren, folgten sie ihm; und er nahm sie auf und redete zu ihnen vom Reich Gottes, und die Heilung brauchten, machte er gesund. (Lukas 9,11)

Wieder ein solcher Satz, der den Dienst Jesus kurz und knapp zusammenfasst: Er predigt das Reich Gottes und heilt die Kranken. Mit eben dieser Mission hatte er zuvor die zwölf Jünger/Apostel betraut und würde es in Kapitel 10 den siebzig Jüngern auftragen: Predigt das Reich Gotts und heilt die Kranken! Schauen wir weiter in die Apostelgeschichte, finden wir dasselbe: Die Verkündigung des Reiches Gottes in Erweisung des Geistes und der Kraft, welche die Dämonen austrieb und die Kranken heilte.

Wenn wir eine so klare Linie finden, die sich wie ein roter Faden durch die Evangelien und die Apostelgeschichte zieht und unentwegt wiederholt und bestätigt wird, dann müssen wir uns doch fragen, was aus dieser Mission geworden ist? Wie steht es bei der heutigen Kirche/Gemeinde um die Verkündigung des Reiches Gottes und die Heilung der Kranken?

Ich muss sagen, in den Jahren meiner Mitgliedschaften und auch Dienste in der einen und anderen Gemeinde fand ich, dass das Reich Gottes und die entsprechende Erweisung seiner Macht dort keine zentrale Rolle spielten, es ging komplett um andere Inhalte, vor allem die Gemeindearbeit. Die Gemeinden drehten sich m. E. zumeist chronisch wenig um Jesus, sondern vielmehr um sich selbst.

Das hätte niemand so zugegeben, aber die Versammlungen und Gemeindebriefe zeigten es deutlich. Ich meine, es darf bei diesem Befund durchaus die Frage gestellt werden, inwiefern diese Gemeinde neutestamentlich, evangelisch oder christlich ist. Wird die Kernbotschaft und die Hauptwirkung des Evangeliums entfernt oder ersetzt durch andere Inhalte, mögen sie auch „gut“ sein, dann weichen wir vom echten Evangelium ab.

Durch eine lange Kirchengeschichte hin ist diese Abweichung gut kultiviert worden. Das Reich Gottes wurde durch das Reich der Kirche bzw. Gemeinde ersetzt, die im Zentrum der Dinge steht und zu der man kommen muss, um gerettet, getauft und pastoral „betreut“ zu werden. Jesus zu folgen, bedeutet heute, in die Kirche/Gemeinde zu gehen.      

Die Kraft indes wurde an ihre Sakramente oder andere Segens-Handlungen gebunden, die unter ihrer Verwaltung stehen.

Trotzdem, dass die Freikirchen die persönliche Beziehung zu Jesus betonen, haben sie mehr „Kirche“ und weniger „Reich Gottes“ in ihrer Struktur, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Auch dort werden die Gläubigen an die Gemeinde und ihre Hierarchie gebunden und von ihr verwaltet. Alles dreht sich um die Gemeinde, für die zu arbeiten und zu bezahlen ist, weniger um Jesus, der wie von allen solchen Einrichtungen für die eigenen Zwecke instrumentalisiert wird. Das klingt „krass“, aber schauen wir genau hin.

Diese Worte sind keine Anklage, sondern eine Diagnose. Der Patient Kirche ist chronisch krank und muss sich regenerieren, bzw. wieder „auf Werkseinstellung“ zurückgesetzt werden.  Nicht dass wir später einmal an die Tür des Bräutigams klopfen und zu hören bekommen: „Geht, ich kenne euch nicht!“

Zu sagen: „Wir kennen Jesus und sind der Leib Christi!“, während wir das Reich Gottes weder kennen noch verkünden, die Dämonen nicht austreiben und die Kranken nicht heilen, steht im klaren Widerspruch zum Evangelium. (Auch die zehn Gebote stehen dort übrigens nicht im Mittelpunkt.)

Da die Kirche schon so lange an diesen Widerspruch gewöhnt ist, oder die Schuld an diesem Zustand gar auf Jesus schiebt, der in der heutigen Zeit eben nicht mehr so handelt, wie in den Evangelien und der Apostelgeschichte, ist sie als vom Original abgewichen zu betrachten und m. E. nicht berechtigt, sich als Kirche/Gemeinde Jesu zu bezeichnen.

Es ist ja auch nicht Jesus, der sie dazu berechtigt, sondern sie selbst lizensiert sich und ihre Pastoren. Die Legitimation Jesu würde ja in der Befolgung der Sendung bestehen: Predigt das Reich Gottes und heilt die Kranken! Oder besteht sie darin, hebräisch und griechisch gelernt zu haben, die Kirchengeschichte, Homiletik, historisch-kritische Exegese und Gemeindemanagement studiert zu haben? Ist es das, was Jesus verlangt hat und was die Gemeinde zum „Leib Christi“ macht?

1 comment for “Die Abweichung vom Original

  1. Mirko Langer
    10. Juni 2020 at 17:03

    Mir fällt dazu auf, dass sich die dämonische Welt heute in den Gemeinden, anders als bei Jesus, nicht oder kaum mehr bemerkbar macht. Man könnte meinen, das sie nicht mehr existiert… Da stimmt doch was grundsätzlich nicht, inJesu Nähe hielt es kein Dämon aus. Er enttarnte sich selbst… Trotz viel Lobpreis, der ja Gottes Gegenwart freisetzen soll, ist es heute nicht mehr so…

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