Der Jesus-Götze

Und Herodes sprach: Johannes habe ich enthauptet. Wer aber ist dieser, von dem ich solches höre? Und er suchte ihn zu sehen. (Lukas 9,9)

Da haben wir also schon wieder die Frage: Wer ist dieser?  In Lukas 8 hatten wir bereits unentwegt mit dieser Frage zu tun, offenbar ist sie sehr wichtig.

Solange wir geistlich schlafen, meinen wir, diese Frage sei doch von den entsprechenden religiösen und wissenschaftlichen Institutionen und ihren Experten geklärt. Wir hören uns ihre Predigten und Expertisen an und sind fertig mit Jesus. So wie der gestern erwähnte Evangelische Taschen-Kate-chismus in vier Seiten Jesus hinreichend für die interessierten Kirchenmitglieder erklärt. Dann blättern sie weiter zum nächsten Thema…

Die Frage nach Jesus trifft uns in diesem unerweckten Zustand nur an der Oberfläche und wird „sachlich“ beantwortet. Erst in existentiellen Krisen kommt uns diese Frage nahe und wir finden eine tiefergehende Antwort darauf. Im Zerbruch, wenn wir uns nicht mehr über Äußerlichkeiten und Leistung definieren können – auch unseren Glauben nicht – stellen wir die Frage danach, wer Jesus für uns ist, ganz anders, als wenn wir von der Arbeit und Familie und noch ein wenig Kirche am Sonntag durchs Leben geschoben werden. 

Herodes nun ist allerdings weder zerbrochen noch in einer existentiellen Krise, er fragt nach Jesus auf einer politischen und kuriosen Ebene. Er hört von Zeichen und Wundern und bekommt mit, wie seine Angestellten mutmaßen, dass Jesus der auferstanden Johannes, Elia oder einer der alten Propheten sein könnte. Metaphysik liegt in der Luft, seltsame Kräfte wirken und der Himmel bewegt die Erde. 

Herodes ist neugierig und würde diesen Jesus gerne mal sehen. Das würde er auch bald, wenn er ihm als Staatsfeind Nummer 1 zum Verhör vorgeführt werden würde. Leider wird Jesus dann nicht sehr gesprächig sein und auch keine Wunder für ihn vollbringen, um ihm zu zeigen, wer er ist und um Einfluß auf sein Urteil zu nehmen. Er ist ein rechter Spielverderber und nutzt seine Chancen nicht, um bei den Zuständigen Stellen Pluspunkte zu sammeln. Er spielt das Theater einfach nicht mit, füllt die Rollen nicht aus, die ihm von den verschiedenen Parteien zugewiesen werden. Er ist eine Enttäuschung…

Auch viele Christen sind maßlos enttäuscht von Jesus – nur, dass sie es nicht zugeben. Auch ihre Erwartungen und Vorstellungen bedient er nicht, genau wie bei Herodes. Er wartet, bis sie ihn ernsthaft fragen, wer er eigentlich wirklich ist und was er will. Er wartet, bis sie die Demut aufbringen, damit aufzuhören, ihm zu sagen, wer er als guter Messias zu sein und was er als braver Christus zu tun hat. Bis sie ihn freilassen aus ihren ideologischen und dogmatischen Gefängnissen und sein lassen, der er ist und tun lassen, was er will und wie er will.

Ob wir es glauben oder nicht, wir haben einen „Jesus-Götzen“ aufgerichtet, den wir verehren und bedienen, um alles von ihm zu kriegen, was wir von ihm haben wollen. Es ist der Jesus, den wir geschaffen haben nach unserem Bild. Den echten Jesus können wir im Schatten dieses gigantischen christlichen Götzen häufig gar nicht sehen.     

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