Alle Brüder werden Menschen

Und siehe, es kam ein Mann mit Namen Jairus – und er war Vorsteher der Synagoge – und fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen, denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, und diese lag im Sterben. (Lukas 8,41-42)

Dass jemand „zu Jesu Füßen fällt“, das ist bei uns eher unüblich und zeigt die Anerkennung und Ehrerbietung die dieser Mann Jesus entgegenbringt.

Es ist ein Synagogenvorstehe, er gehört also zu jener Gruppe von Funktionären, die Jesus an sich ablehnen und feindlich gegenüberstehen, denn Jesus war kein guter Synagogenbesucher. Immer wieder legte er den Finger auf ihre Tradition, das Wort Gottes lediglich auszulegen, ohne seine Kraft und Realisierung zu erleben. Er störte die Liturgie, unterbrach den Ablauf, usw. Er stellte die generelle Anmaßung und Heuchelei des religiösen Systems und seiner Institutionalisierung bloß. Da er das auch heute noch tut, tut sich die christliche Gemeinde so schwer mit ihm.

Nun ist es also ausgerechnet ein Synagogenvorsteher, der sich an Jesus wendet. Wie konnte er über seine Theologie und seinen Schatten springen, seinen Ruf ruinieren und zu diesem Sektierer Jesus gehen!? Und das auch noch öffentlich und nicht wie Nikodemus bei Nacht und Nebel!

Er tut es, weil er verzweifelt genug ist, es zu tun. Verzweiflung spielt eine große Rolle in der Selbstüberwindung. Die Not ist zu groß, um noch religiöse Spielchen zu spielen, um sich noch theologische Kontroversen zu leisten und Politik mit ihrer aufgesetzten Empörung gegen Jesus zu machen.

Es geht um Leben und Tod – und genau das ist die Schwelle, die Menschen über ihre Grenzen gehen und zu Jesus kommen lässt. Auf dieser Schwelle wird Wesentliches wesentlich und Unwesentliches unwesentlich.

Interessanter Weise macht die schwere Krankheit der Tochter diesen Mann vom Funktionär und religiösen System-Agenten zum MENSCHEN. Er kommt nicht in seiner Funktion zu Jesus, sondern als Vater. Wie wunderbar!

Hier sehen wir, wie es die Verzweiflung und die Not sind, die zu einer Vermenschlichung und zu Einheit führen. Denn auf der Ebene der existentiellen Bedrängnis, der Krankheit und des Sterbens, sind wir alle gleich und es interessiert nicht, ob wir in allem gleicher Meinung sind. Nur Gesunde leisten sich den Luxus ideologischer Kriege. Die Geplagten und Kranken haben keine Kraft, um zu streiten, sie wollen den Tag überstehen. Das Leben wird sehr überschaubar und die Leidenden  verlieren die Illusion von Macht und Kontrolle. Ein wenig Barmherzigkeit wiegt für sie schwerer als alles Rechthaben dieser Welt.  

Jairus wendet sich an Jesus, der erwiesener Maßen barmherzig war und sich dem Elend der Volksmengen gestellt hatte, darum kamen sie ja zu ihm, anstatt zu den Schriftgelehrten. Er rührte ihre Kranken an, selbst die Aussätzigen und heilte sie. Er schreckte nicht vor den unreinen Geistern zurück, sondern trieb sie aus. Selbst Tote hatte aufgeweckt. Ohne Diskussion und Vorbedingungen macht er sich mit Jairus auf den Weg… Wie wunderbar! 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.