Toter Frieden

Er aber stieg in das Schiff und kehrte wieder zurück. Der Mann aber, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bat ihn, dass er bei ihm bleiben dürfe. (Lukas 8,37b-38)

Das war mal ein Ausflug mit dem Schiff gewesen!

Die Gerasener sind sich einig darin, Jesus zu fürchten und wegzuschicken. Und er steigt in das Schiff und geht… O wie oft ich das erlebt habe, dass z. B. um Erweckung gebeten wurde, dann kam eine (kleine) Ausgießung des Geistes und Dinge fingen an, zu geschehen, wie sie in den Evangelien geschrieben sind und wie sie das Reich Gottes eben mit sich bringt, etwa dass die Dämonen unruhig werden!

Nicht gewohnt an „sowas“ standen die Gemeinde oder Gruppe hilflos da – und fürchteten sich. Dann gingen die Diskussionen los, „ob es so etwas heute überhaupt noch gibt“ und ob diese Wirkungen denn von Gott sein können. So stritt und spaltete die Gruppe sich schließlich und an dieser „Frucht“ wurde wiederum von allen Außenstehenden „erkannt“, dass dies ja wohl nicht das Werk des Geistes sein kann…

Nur der von Dämonen befreite, der sieht das ganz anders! Für ihn bricht ein neues Leben an. Er versteht den Konflikt der Leute gar nicht. Worüber streiten sie nur? Haben sie denn nicht ein Wunder erlebt? Ist er nicht durch die Macht Gottes in dem Namen Jesu spektakulär frei geworden? Für ihn bricht eine Zukunft an, während sie für die Gemeinde zusammenbricht. Wie verrückt ist das denn?! Also klammert sich der Befreite an Jesus und will nur eins: mit ihm kommen!

Die hitzigen theologischen Auseinandersetzungen interessieren ihn gar nicht. Der Verlust der Schweine (und des Rufes), all die Fragen, die so etwas Seltsames aufwirft, das Für- und Wieder eines solchen außerordentlichen Geschehens, das alles ist für ihn nachrangig. Jesus interessiert ihn!

Nach meiner Erfahrung widerfährt jeder Gemeinde ab und zu solch eine „Seltsamkeit“. Sie kann viele Gestalten annehmen, aber Gott lässt einen Einbruch in das „Gewohnte und Normale“ zu, er lässt einen Sturm aufkommen, der alles aufwirbelt, wie auf dem See und er lässt die Dämonen sichtbar werden, mit denen keiner gerechnet hat. Er deckt etwas auf, was wir lieber unter der Decke lassen würden bzw. theologisch wegerklären. Er wirft Licht in die Finsternis, die wir bei uns niemals vermutet hätten, usw.

Die Erschütterung hat das Potential, die Gemeinde wachzurütteln, ihre Erstarrung anzugreifen und Routine zu unterbrechen, was ihr „höllisch“ schwer fällt, denn sie klammert sich daran, als sei darin das Heil.

In der Situation der Erschütterung, werden der Teufel und Gott sehr gerne miteinander verwechselt, denn wer will glauben, dass es Gott sein könnte, der der Gemeinde so zusetzt? Tatsächlich endet die Geschichte häufig so wie hier im Lande der Gerasener: Die Macht des Reiches Gottes, die die Grenzen unseres „Normal“ sprengt und unseren Kirchenschlaf unterbricht, wird gefürchtet und abgewiesen.

Von einer Situation zur nächsten sehen wir in den Evangelien, wie Jesus überall abgewiesen wird und rausfliegt, denn er passt nicht in die menschlichen, irdischen und religiösen Strukturen, denen er sich nach den Vorstellungen der Ordnungshüter anzupassen hat, um „gut“ zu sein und „richtig“. Er soll sich bitteschön „unterordnen“ und warten, bis die „von Gott gesetzten“ Leiter der Institution ihm erlauben, ein „Zeugnis“ zu geben, welches dem Zweck dient, ihre Arbeit und das ganze theologisch-religiöse System zu bestätigen.

Aber wo der echte Jesus auftaucht, werden dem „Haus“ die Dächer abgedeckt und Lahme springen, Taube hören und Stumme sprechen auf einmal. Und Dämonen schreien auf. Dann ist die Struktur, die auf so etwas nicht angelegt ist, überfordert und steht vor der Wahl: entweder sich selbst zu überwinden oder aber Jesus. Meistens geht es schlecht für Jesus aus und er wird vor die Tür gesetzt, um drinnen weiterzumachen, wie gehabt. Dort wird dann ein Ersatz-Christus erschaffen, der genau der gewünschten Theologie und Ideologie entspricht. Das ist dann der Götze, der die Gemeinde in der Lähmung, Taubheit und Stummheit hält, die der echte Jesus so gerne aufheben würde. Und viele nennen das „Frieden“.  Aber es ist ein toter Frieden. Der reine Selbstbetrug.     

1 comment for “Toter Frieden

  1. Andrea Rohn
    1. Mai 2020 at 9:16

    Hallo, ich habe zum ersten mal deinen Tagesgedanken gelesen. Ich kenne allerdings einige Deiner Bücher, die mir sehr geholfen haben in einer schwierigen Zeit. Ich war sehr integriert in der Kirchengemeinde vor Ort und habe einen größeren Freundeskreis verloren, weil ich diese Gemeinde verlassen und ihr den Rücken zugewendet habe. Jetzt bin ich mit zwei Geschwistern regelmäßig im Kontakt. Klein aber fein und wir erleben wie Jesus uns ans Herz wächst und wir an seines und wir dadurch Veränderungen erleben.
    Ich habe jahrelang gedacht ich bin richtig, plötzlich war ich falsch in den Augen der „Kirchengeschwister“. Ich war aber tot. Ich habe jetzt erst in den vergangenen Monaten erlebt, was Leben wirklich heißt und darf weiterlernen. Gott erneuert mein Herz und reinigt mich/uns, weil wir uns auf IHN einlassen. Danke für Deine ermutigenden Worte, die mir helfen und guttun. Herzlich Grüße

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