Angst vor Jesus?

Die Leute aber gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war. Und sie kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bekleidet und vernünftig zu den Füßen Jesu sitzen, und sie fürchteten sich. (Lukas 8,35)

Die Befreiung des „wilden Mannes“ und vor allem das gigantische Spektakel mit der Schweineherde, die sich in die See geworfen hatte und ertrunken war, sprachen sich rum wie ein Lauffeuer. Die Schaulustigen kamen herbei und fanden den dämonisierten Mann bekleidet und vernünftig zu den Füßen Jesu sitzen. Das war also der „Magier“ oder was auch immer für einer, der Vollmacht über die Dämonen hatte und dies überaus nachdrücklich anhand der Schweine demonstrierte.

Wer ist dieser Mann? Das war die Frage der Jünger auf dem See gewesen, als Jesus dem Sturm gebot. Sicherlich hatten sie diese gleiche Frage einander auch bei dieser mächtigen Dämonenaustreibung gestellt: Wer ist dieser, dass auch eine Legion Dämonen ihm gehorcht? Und nun waren die Gerasener an der Reihe, sich mit dieser Frage zu konfrontieren. Von weit und breit waren sie herbeigekommen.

Die Leute wussten freilich nicht, was sie über diese Sache denken sollten. Da war einerseits der immense wirtschaftliche Verlust der vielen Schweine, aber andererseits saß dort der allseits bekannte „wilde Mann“, der nicht zu bändigen gewesen war, zahm und brav zu den Füßen Jesu.

Sie fürchteten sich. Die übliche Reaktion, wenn man keinen Bezugsrahmen zu dem herstellen kann, was geschieht. Leider blockierte die Furcht ihren gesunden Menschenverstand, denn sie hätten Jesus, statt ihn fortzuschicken, auch einladen können, ihnen die Macht des Reiches Gottes zu erklären, auch was es mit den Schweinen auf sich hat, wie die Dämonen eigentlich in den Mann gekommen waren, wo sie jetzt sind und was sie vorhaben, usw., aber nein, sie haben große Furcht – vor Jesus! Er ist es, der ihre Routine unterbrochen, die Geschäfte gestört, ihre Normalität aufgebrochen, ihr Weltbild verletzt hat. Er musste weg…

Ohne solche Erfahrungen der Erschütterung und Irritation, wie sie den Gerasenern widerfuhren, die uns zutiefst beeindrucken und ganz wirklich die Frage stellen lassen: „Wer ist dieser?“, gibt es kein Erwachen, keine Öffnung des Horizonts, keine Veränderung.

Jesus, das Reich Gottes (und das Christsein) werden in den gewohnten Rahmen gefügt, standardisiert, normiert und zu einer Religion geformt. Die von Dämonen gequälten werden nicht erkannt, nicht befreit und sowieso nicht in Gottesdienste mitgenommen, wo sie stören würden. Die Dämonen können bleiben und auch die Schweine haben nichts zu befürchten… Der echte Jesus wird ersetzt durch das religiöse Imitat des „mildtätigen Hirten“ und vorbildlichen Gutmenschen, der keiner Fliege was zuleide tut. Geschichten wie die des Geraseners werden zu Legenden, die Dämonen als abergläubische Vorstellungen vorwissenschaftlicher Zeiten abgetan.

Täuschen wir uns nicht: der echte Jesus und der religiöse Jesus haben wenig miteinander gemein. Wenn der echte auftaucht, kommt immer die Macht des Reiches Gottes ins Spiel und „Zeichen und Wunder“ geschehen, die nicht in unsere religiösen Routinen passen. In aller Regel führt das zu Konflikten und… Furcht. Denn der echte Jesus ist frei und unberechenbar. Er richtet sich nicht nach unseren frommen Vorgaben und Vorstellungen, er fügt sich nicht ein und macht nicht mit, er zerbricht unser gepflegtes, gutbürgerliches „Christentum“ wie morsches Holz, zerreißt seinen Vorhang und facht ein Feuer an, das jegliche Schein-Heiligkeit verzehrt. Was bleibt dann übrig?    

„Und die ganze Menge aus der Umgegend der Gerasener bat ihn, von ihnen wegzugehen, denn sie waren von großer Furcht ergriffen.“ (Lukas 8,37)

1 comment for “Angst vor Jesus?

  1. Mirko Langer
    29. April 2020 at 18:59

    „… standardisiert, normiert und zu einer Religion geformt…“ Klasse und humorvoll formuliert. Und das Motiv dieses Prozesses ist Kontrolle.. man will sich nicht ausliefern, sich dem Allmächtigen hingeben. Was größer ist als wir, unser Denken sprengt, darf nur theoretisch sein… nicht real.
    Wie herrlich ist es aber doch, an einen „gefährlichen“ Jesus zu glauben.

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