Heiliger Stress

Und es geschah an einem der Tage, dass er in ein Schiff stieg, er und seine Jünger; und er sprach zu ihnen: Lasst uns übersetzen an das jenseitige Ufer des Sees. Und sie fuhren ab. Während sie aber fuhren, schlief er ein. (Lukas 8,22-23a)

Hier entfaltet sich eine der verschiedenen See-Episoden der Evangelien, die jede Menge Lektionen für uns enthalten.

Bei einer Gruppe von mindestens 13 Personen, kann es kein ganz kleines Boot gewesen sein, welches sie bestiegen. Es galt „auf die andere Seite“ zu fahren, „überzusetzen“ an das „jenseitige“ (Diesseits und Jenseits) Ufer. Jedes Wort kann metaphorisch auf vielen Ebenen verstanden werden.

Würde man die Geschichte nicht kennen, würde man vielleicht kaum glauben, dass Jesus einschläft. Ist er denn nicht immer wach und unermüdlich? In der Parallele in Markus 4 ist die Rede von einem Kopfkissen… Selbst als es heftig stürmisch wird, schläft er immer noch und die Jünger wecken Jesus auf. Ist er denn so erschöpft?

Die Parallele in Markus 4,35-36 erwähnt, dass es bereits Abend geworden war, als sie in das Schiff stiegen. Sie hatten die „Volksmenge“ entlassen. Nach einem vermutlich überaus vollen und intensiven Arbeitstag trat endlich Ruhe ein… aber nicht für die Jünger. Sie fuhren in die Nacht und den Sturm… klingt nach Stress pur!

Wir können den „Christlichen Dienst“ romantisieren und meinen, was wir in den Evangelien lesen, sei Jesus und den Jüngern locker von der Hand gegangen, weil ja Gott mit ihnen war, aber dem ist nicht so. Nicht nur einmal heißt es, dass Jesus und seine Jünger nicht einmal Zeit fanden, etwas zu essen, so groß war der Andrang der Menschen (Mk 3,20; 6,31). Hier steigen viele aus! Das geht ihnen zu weit.

Nach einem ganzen Tag „Volksmengen“ dürfen die Jünger sich nicht ausruhen, jetzt geht es noch in ein Schiff, um den See zu überqueren. Es wird bereits dunkel, Jesus schläft sofort ein, ein Sturm zieht auf… So haben wir uns das nicht vorgestellt! Wir sind überfordert, erschöpft und irgendwie erscheint uns Jesus auf einmal geradezu gnadenlos, dass er sogleich die Weiterreise veranlasst, während er sich schön schlafen legt. Das heißt aufräumen, zusammenpacken, die Leute entlassen, den Saal oder Platz besenrein hinterlassen, ein Boot klar machen und weiter geht es mit Rudern… Das ist die Seite des Dienstes, die man nicht sieht.

Ich denke, Jesus treibt hier seine Jünger bewusst an ihre Grenzen. Denn die Erweiterung von Grenzen geschieht eben nur dort. Aber unsere Seele geht freiwillig nicht soweit, sie will die Kontrolle behalten und keineswegs völlig erschöpft in die Nacht und einen Sturm hinausrudern.

Jesus ist bei ihnen, ja, aber er schläft, er tut gar nichts, ist passiv. O wie wir das wohl alle schon so bedrängend erlebt haben! Der Herr ist „da“, das wissen wir und glauben wir, aber wieso mutet er uns den totalen Stress zu, treibt uns in die Nacht und den Sturm, nachdem schon wir längst nicht mehr können, so dass wir mit den Jüngern sprechen: „Meister, Meister, wir kommen um!“ (8,24) oder noch treffender in der Parallele Mk 4,38: „Rabbi, kümmert es dich nicht, dass wir verderben?“.

Ich glaube, es ist überaus wichtig, dass dieser Satz, dieser Vorwurf aus der Tiefe unseres Herzens hervorkommt. Es ist diese ganz tiefe Verlassenheit, jene Verwaisung und Verlorenheit der Seele, die unter dicken Schichten von Traumatisierung am Grunde unseres Lebens ruht und uns viel mehr definiert, als wir glauben wollen. An diese tiefe Wunde lassen wir niemanden heran, nur eine extreme Erschöpfung und Krise lässt uns die Abwehr senken, weil wir dafür keine Kraft mehr haben, und die Verzweiflung kann herauskommen.

Hier stehen wir am Kernpunkt der Sünde: der Trennung von bzw. Distanz zu Gott, unserem Vater und Hirten, dem Beistand und Tröster, dem paradiesischen Zuhause, der seligen Gemeinschaft; inmitten der Erfahrung abgrundtiefer Demütigung, dem Sturz aus der Herrlichkeit in die Nichtigkeit, der Ewigkeit in die Vergänglichkeit, dem Licht in die Finsternis, dem Leben in den Tod… Die Bibel sagt, wir Menschen haben unser Herz und unsere Stirn hart wie Stein gemacht, um mit dem todgeweihten Rest unserer Existenz klarzukommen.       

Jesus „überlässt“ seine Jünger der Krise, er scheint sie in ihr Verderben rudern zu lassen. In ihnen steigt Bitterkeit auf, das „Murren“, welches wir so oft bei Israel fanden, als es durch die Wüste zog und bei jeder Schwierigkeit sagte: „Wussten wir es doch, dass Gott nicht so „gut“ ist, wie er sagt und uns auch ausbeutet und dann hängen lässt!“

Wie steht es mit dem „tiefen Vorwurf“ in deinem Leben? Glaube mir, ohne existentielle Krisen kommen wir an die tiefen Wunden unserer Seele nicht heran und unser christliches Leben bleibt oberflächlich und zeigt nicht das ganze Maß der Erlösung, die für uns vorhanden ist. 

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