Heilige Familie?

Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm; und sie konnten wegen der Volksmenge nicht zu ihm gelangen. Und es wurde ihm berichtet: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und tun. (Lukas 8,19-21)

Oha! Das Verhältnis von der heiligen Mutter Maria und ihrem Sohn Jesus schien ja nicht das allerbeste zu sein! Hier sehen wir zudem bestätigt, dass Maria noch weitere Kinder hatte. Auch von Jesu Schwestern lesen wir an anderer Stelle. Das überzogene religiöse Bild höchster Harmonie und Einzigartigkeit der „Heiligen Familie“ wird in den Evangelien nicht unterstützt und von Jesus mehrmals deutlich relativiert. Wie hier.

An einer Bibelstelle wie dieser fragt man sich, ob denn Maria überhaupt in die Kategorie derer gehört, die „das Wort Gottes hören und tun“? Zu Anfang hat sie es getan, gar keine Frage, aber jetzt? Warum ist sie draußen und nicht drin? Und warum lässt Jesus sie draußen stehen?! Lehnt er damit nicht familiäre Sonderansprüche an ihn ab? Jedenfalls erklärt er sich damit ganz und gar nicht als „Sohn Marias“. An keiner Stelle tut er das…

Immer noch sind wir in der Linie des Gleichnisses vom Sämann und der Lampe, in denen es darum geht, dass wir und wie wir das Wort Gottes hören, aber nicht nur anhören, sondern im Herzen empfangen und aus ihm heraus hundertfältig Frucht bringen und leuchten, wie die Sonne aufgeht in ihrer Kraft. Das ist es, was der Mensch vermag und was ihn wesentlich zum Menschen macht: Er kann die ewigen, mächtigen, kreativen Worte Gottes aufnehmen und im Herzen bewegen, er kann sich ihnen hingeben und sie – erfüllt vom Heiligen Geist – entfalten und in die Welt hinein gebären. So ist er ein großer Segen und eine Quelle von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Auch kann er eine Lampe Gottes sein, die in der Kraft (dem Öl) des Heiligen Geistes brennt und leuchtet, so dass die Finsternis beendet wird und die Schatten fliehen. Natürlich ist er auch ein Mensch, wenn er das nicht tut, aber er verfehlt doch wesentlich sein Potential und seine Möglichkeiten.

Jetzt kommt also die Familie ins Spiel, die für viele Menschen ja die wichtigste Orientierung und Verpflichtung überhaupt ist, aber Jesus ordnet sie der Aufgabe, das Wort Gottes zu hören und sich danach zu richten, kategorisch unter. Sie soll nicht zum Grund dafür werden, den göttlichen Ruf zu übergehen, um den Weg der Familie zu gehen und IHRE Frucht zu bringen.

Wie ungeheuerlich die Aussage Jesu in einer Kultur wie damals war, in der alles auf die Familie ankam, können wir heute wohl kaum ermessen.

Sicherlich geht es Jesus nicht darum, die Familie generell abzulehnen oder gar abzuschaffen, aber er holt sie – genau wie das „heilige Muttertum“, vom überhöhten Sockel herunter und setzt die Familienpflichten deutlich zurück. Wir leben nicht durch, von und für die Familie, sondern durch, von und für Gott.

Klingt das fundamtalistisch?

Denken wir nach: Wenn ein Mensch durch, von und für Gott lebt, dann bringt sein Leben reiche Frucht. Er lebt im Licht, im Segen, in der Kraft und Versorgung Gottes. Er erfährt die Fülle des Himmels. Entsprechend bildet ein solcher Mensch eine Familie, die auch durch, von und für Gott lebt. Spinnen wir den Faden weiter, gelangen wir zu einer heiligen Menschheit, die durch, von und für Gott lebt. Damit wäre die Welt, die sich selbst verzehrt, in der Menschen abhängig sind von Menschen und übereinander herrschen mit hierarchischer Gewalt, beendet. Die Menschheit säße am reich gedeckten Tisch Gottes und würde weder Mangel noch Konkurrenz, weder Zwang noch Fremdbestimmung kennen. Glücklich und zufrieden in Gott bildet sie Familien, in denen es nicht darum geht, die Not der Welt zu verkraften, sondern die Herrlichkeit des Himmels zum Ausdruck zu bringen. Das ist doch was ganz anderes!

Jesus holt die Familie nicht hinein und gibt niemanden Anlass dazu, sich nicht zugehörig zu dieser heiligen Sippe zu fühlen oder sie als erhaben zu verehren. Auch geht er nicht zu ihr hinaus, was den anderen zeigt, sie spielen nur eine nachgeordnete Rolle. Nein, er zieht alle auf die gleiche Ebene unter das Wort Gottes, welches allen gegeben ist, um glückliche und reiche Menschen zu werden, die Herrlichkeit hervorbringen – jeder auf seine einzigartige Weise.    

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