Wer Ohren hat zu hören

Als sich aber eine große Volksmenge versammelte und sie aus jeder Stadt zu ihm hinkamen, sprach er in einem Gleichnis zu ihnen. (Lukas 8,4)

Jesus spricht immer wieder in Gleichnissen. Das hat den Vorteil, dass die Vorstellungskraft der Leute angeregt wird. Heute nennt man das „Story-Telling“. Der „Nachteil“: Leute müssen selber denken, bekommen nicht alle Antworten direkt und fertig serviert, sondern müssen Sinn-Zusammenhänge und Übertragungen selbst herstellen. Die transportierte Wahrheit vermittelt sich indirekt und unterschwellig. Wer also keine Zeit und Lust hat, sich mit der „Story“ auseinanderzusetzen und darüber nachzusinnen, zu beten und Fragen zu stellen, dem bleibt vieles verborgen.

Der Heilige Geist regt immer unsere Imagination, Phantasie und Intuition an. Er „erleuchtet“ unsere Innenwelt, inspiriert unsere Gedanken, verschafft uns „Aha!“-Erlebnisse, kommentiert in uns die Worte Gottes und entfaltet sie wie einen Samen von etwas zunächst ganz Kleinem und sogar Unscheinbarem in etwas Größeres, was ins Unendliche hinein wachsen kann.

Wir erleben wahrhaft, dass das Wort Gottes lebendig und wirksam ist. Dass es nicht nur Information bzw. Wissen vermittelt, sondern Initiation bewirkt. Und diese wiederum Transformation. Wir werden ergriffen und verwandelt – von innen nach außen.

Unsere Seele ist der Boden, auf den das Wort fällt und – wenn wir es würdigen und bewässern, indem wir es bedenken, darüber beten, ihm Aufmerksamkeit geben – aufgeht und unsere Innenwelt, Geist und Seele, ernährt, bereichert und verwandelt. Dann fühlen wir uns nicht mehr „leer“, sondern erfüllt.

Dort, in unserem Herzen, entfaltet das Reich Gottes seine Präsenz und Macht. Dort gestaltet es uns um in wirkliche Menschen, denn was wissen wir denn schon davon, was ein Mensch wirklich ist und vermag? Wir werden „himmlisch“ gemacht.

Bei vielen liegt die Innenwelt wie ein verkommener Acker brach und ist voller Unkraut, Steinen und Unkultiviertheit. Darüber handelt das „Gleichnis vom Sämann“, welches Jesus der Menge, die zu ihm gekommen ist, erzählt. Wäre uns von den Evangelien nichts anderes gegeben, als nur dieses Gleichnis und seine Auslegung, wie Jesus sie seinen Jüngern erklärt, dann wäre es noch immer ein unglaublicher Segen für uns, so viel Offenbarung von Wahrheit steckt darin, die uns zu kultivierten, erfüllten und zu fruchtbaren Menschen machen kann. Wir können uns glücklich schätzen, es zu haben! So heißt es in der Parallele in Matthäus:

Glückselig aber eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören; denn wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte  haben begehrt, zu sehen, was ihr seht und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Mt 13,17)

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“, sagt Jesus in Vers 8, nein, er „rief es aus“, steht da. Schon diese Formulierung und Intensität, mit der Jesus sie verkündet, zeigt uns, wie brisant und fundamental diese kleine Geschichte ist. Wir sollten alles daran setzen, sie zu hören, und nicht als bekannt abhaken, weil wir sie schon so oft gelesen oder in Predigten gehört haben. Hier gilt es aufzuwachen und zu hören, wie Jünger hören.

Hier geht es nicht um eine Nebensache, sondern um eine Hauptsache. Wer die nicht „hört“ und wer die nicht „beherzigt“, der wird voraussichtlich nicht die Erfüllung des Gesagten erleben, nämlich „30-, 60-, 100-fach Frucht zu bringen“ (Mt 13,23). Also ein reiches Leben zu führen. Nicht äußerlich reich und innerlich arm, sondern innerlich reich und überfließend nach außen, so dass im Verlauf des Lebens, als Ausdruck eines inneren Wachstums und Kultivierungsprozesses, eine unaufhörliche, gesegnete Ernte hervorkommt.

Solche Leute können nicht alt werden wie die anderen, nicht in Rente gehen, von ihnen geht eine solche Fülle an Kreativität, Kraft und Gelingen aus, dass sie so viel Frucht bringen, wie andere Leute in vielen Leben nicht. Sie sind zu Quellen geworden, die unaufhörlich sprudeln und das dürre Land bewässern.         

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