Passiver und aktiver Glaube

Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dich geheilt. Geh hin in Frieden! (Lukas 7,50)

Auch an anderen Stellen, wo große Wunder geschahen, sagte Jesus, dass es der Glaube der Beteiligten war, der dies ermöglichte.

Es gibt einen Glauben, der uns in einer Weise mit Gott: mit dem Vater, mit Jesus, mit dem Heiligen Geist verbindet, dass wir seiner Macht und Kraft teilhaftig werden. Es ist ein Glaube, der auf Jesus andrängt, wie diese Sünderin es in diesem Gleichnis tut. Sie überwindet viele Grenzen, bricht gesellschaftliche Tabus und geht Risiken ein, um in direkten Kontakt zu Jesus zu kommen.

Diese Begriffe: verbinden, teilhaftig werden, andrängen, überwinden, sie zeugen von einem Glauben, der nicht passiv, sondern aktiv ist.

Wir sind durch unsere kirchliche bzw. gemeindliche Routine im Allgemeinen sehr gewöhnt an einen passiven Glauben, der sich darin erschöpft, in einer Kirchenbank zu sitzen und alles abzunicken, was uns gepredigt wird. Die erforderlichen Kasualien wie Taufe und kirchliche Hochzeit, auch die nötigen  Rituale wie Gottesdienst und Abendmahl, machen wir mit, aber da ist ebenfalls alles vorgegeben und läuft mit oder ohne uns in der immer gleichen ritualisierten Form ab. Wir können das alles „im Schlaf“ über uns ergehen lassen. Zu Reaktionen wie bei der „Sünderin“, die zu Jesus durchdringt und emotional bewegt ist, so dass sie weint, kommt es eher nicht. Das ist weder vorgesehen noch nötig.

Für den modernen Glauben ist es nicht erforderlich, Liebe zum Ausdruck zu bringen. So haben wir eine Kirche, die den Glauben verwaltet, aber nicht liebt. Eine direkte Beziehung und Berührung mit dem Heiligen ist nicht nötig, sondern im Empfinden der Gemeinde etwas für den Klerus, der einfach eine Stufe näher an Gott dran ist als sie, der auch Zeit dafür hat und ausgebildet wurden, das richtig zu machen. Überhaupt dreht sich dieser „Glaube“ stark um richtig und falsch und nicht um Gnade und Liebe. Und Gnade und Liebe nicht als religiöse Konzepte, sondern als Erfahrung durch Berührung mit der göttlichen Macht und Qualität davon.

Dies ist ein sehr kritischer Punkt, denn nicht aller Glaube ist derselbe Glaube. Der eine Glaube glaubt, wenn er nur zur Kirche geht und alles gemäß den Vorschriften mitmacht, dann sei das genug und eben das, was Gott verlangt. Der andere Glaube bindet sich mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand und aller Kraft an Jesus ganz persönlich. Er IST Liebe. Denn nur LIEBE glaubt auf diese Weise und mit dieser Intensität. Sie lässt es sich was kosten, den Geliebten zu sehen, zu hören, zu berühren und mit ihm zu sprechen. Dieser Glaube überwindet jedes Hindernis und jeden Abstand.

Der passive Glaube ist kein biblischer Glaube. Er ist eine menschlich machbare Form von religiösem Glauben, der die geistlichen Dinge für wahr hält, aber nicht ihren Weg geht. So hält er die Vergebung der Sünden für wahr, aber geht nicht ihren Weg, hält den Himmel für wahr, aber geht nicht seinen Weg, usw. Er bewegt sich nicht, ist also ein „toter Glaube“, der ganz unabhängig ist von der Realität und Aktualität des Geglaubten.

Ob man all das, was im Glaubensbekenntnis Sonntag für Sonntag herunterbetet wird, je erlebt oder nicht, das spielt keine Rolle. Hauptsache man hat es richtig formuliert und im rituellen Kontext des Gottesdienstes andächtig aufgesagt. Für den anderen, den lebendigen Glauben aber ist es notwendig und unverzichtbar, die Inhalte des Geglaubten auch zu erfahren. Dieser Glaube ist eine Bewegung hinein in die Realität und Aktualität des Geglaubten – in Jesu Namen und in der Kraft des Heiligen Geistes. Dieser Glaube erlebt die Wunder und würde ohne sie verzweifeln. Denn wie kann man dem Geliebten nahe sein, ohne Zeuge seiner Kraft und Herrlichkeit zu werden, ohne seines Geistes teilhaftig zu werden, ohne die Macht und Gnade seiner Worte ganz persönlich zu erfahren, weil man seinem Mund ganz nah ist? Dort, in seiner Nähe, gedeiht jener „biblische“ Glaube, der mit Jesus gemeinsame Sache macht.

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