Sünden-Management

Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Er aber sprach zu ihr: Deine Sünden sind vergeben. Und die mit ihm zu Tisch lagen, fingen an, bei sich selbst zu sagen: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt? (Lukas 7,47-49)

Was für einen Zusammenhang stellt Jesus hier her! Der Frau sind viele Sünden vergeben bzw. Schulden erlassen worden, um im Bilde der kleinen Geschichte zu bleiben, die Jesus zuvor von dem Gläubiger und seinen zwei Schuldnern erzählt. Beiden erlässt er die Schuld. Der, dem viel vergeben ist, ist dankbarer und erweist dem gnädigen Gläubiger mehr „Liebe“, als der andere, dem nur wenig erlassen wurde. Er konnte zwar auch das nicht begleichen aber sah sich als weniger verschuldet an und damit weniger in der Pflicht, dem großzügigen Kreditgeber Dank und Wertschätzung zu erweisen.

Manche Ausleger drehen es herum und sagen, weil die Frau so viel geliebt hat, darum sind ihr die Sünden vergeben. Damit läge es allerdings bei uns, uns möglichst „lieb“ zu verhalten, um die Gnade des Herrn zu erlangen. Womit es dann keine Gnade mehr ist. Das kennen wir ja zur Genüge aus der Welt, wo alles einen Preis hat und Handel ist.

Was bedeutet es, wenn Jesus sagt: deine Sünden sind vergeben? Wir gehen als Christen ja alle davon aus, dass unsere Sünden vergeben sind. Wir sind daran gewöhnt… Aber unser Mangel an Liebe spricht eine andere Sprache. Anscheinend ist vielen Christen nicht bewusst, was ihnen eigentlich  vergeben wurde, manche haben die Einstellung des Pharisäers, dem seiner Meinung nach nicht viel zu vergeben ist, er benimmt sich doch anständig. Anders als diese Frau.

Wieder ist es der Kontext, in dem wir die Sünde und ihren Preis betrachten, der den Unterschied macht. Diese Frau hat etwas erkannt, was sie in einer tiefgehenden Weise bewegte. Sie hatte keine Ahnung wie das Kreuz und die Vergebung „funktionieren“, sie hatte keinen Kurs besucht und keine Beicht-Routine vorzuweisen.

Wir hingegen wissen heute alles darüber, haben eine religiöse Vergebungs-Kultur, ein zertifiziertes „Sünden-Management“, wie ich es nenne, entwickelt, um „die Sache“ professionell zu regeln. Das läuft alles wie ein Uhrwerk. Wir zahlen unsere Kirchensteuer und werden durch ausgebildetes und ordiniertes Fachpersonal durch die Rituale geschleust, die uns die Vergebung und das Heil sichern. Wow! Wie magische Formeln werden die richtigen Worte und Gebete in der richtigen Weise von den richtigen Leuten (Zuständigen) gesprochen, die rituellen Handlungen und Gesten heiligmäßig vollführt – und schon ist Gott „gnädig gestimmt“ und daran erinnert worden, dass er zu vergeben hat, weil wir alles richtig gemacht haben. Genau. Liebe hat damit gar nichts zu tun, es ist eine Mechanik, eine Routine, die zu bedienen ist, dann läuft das Vergebungs-Geschäft rund.

Immer neigen Menschen dazu, solche Formeln, Riten und Routinen zu (er)finden und zu installieren, die die Sache mit Gott formal regeln. Der Gläubige braucht in diesem System nur Folge zu leisten – gegen eine wie immer geartete Gebühr, die aus aufgesetzten Verhaltensweisen und Spenden besteht. Hält er sich an die Vorgaben, ist er „gut“ und Gott wird mit ihm zufrieden sein…  

Aber wenn diese ganze Maschinerie nicht zu LIEBE führt, dann ist sie womöglich selbst Teil der Sünden-Matrix und hält die Trennung von Gott aufrecht, anstatt sie zu beheben. Würden wir mit dem Glauben der Frau an Jesus glauben, ein Glaube, der zu einer tatsächlichen Begegnung und Berührung führt, zu einer Erfahrung von Gnade und einem Ausdruck von LIEBE,  dann würden wohl auch wir „in Frieden hingehen“. Nicht in einem formal-juristischen Frieden, sondern einem lebendigen Frieden, der in der unmittelbaren Gegenwart Gottes zu erfahren ist, der die Macht der Sünde in unserem Leben bricht und einen Neuanfang unter anderen Vorzeichen ermöglicht.    

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