Alles könnte auch anders sein

Und sich zu der Frau wendend sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuß gegeben; sie aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Salböl meine Füße gesalbt. (Lukas 7,44-46)

Jesus dreht die Wahrnehmung der Situation in ihr Gegenteil um. Er wendet sich – und alle Anwesenden – zu der Frau. Und siehe da, jetzt, nachdem Jesus die kleine Geschichte über den Gläubiger und seine Schuldner erzählt hat,  ist es nicht die Frau, die sich schämen muß, sondern der Pharisäer.

Auf einmal geht es nicht um Sünde und Schuld, sondern um Gnade und Liebe. Jesus hat das Geschehen in einen anderen Rahmen gestellt, in dem eine völlig andere Deutung der Situation möglich ist, als die, die der Pharisäer vornimmt (das moderne Wort dafür ist „Reframing“).

Diese Frau hat Jesus ein Maß an Anerkennung, Wertschätzung und Liebe erwiesen, welches der Pharisäer nicht einmal denken kann! Er ist gefangen in seiner theologischen Schuld-Matrix, die an der Frau kein gutes Haar lassen kann und ihr Verhalten ausschließlich als Sünde beurteilt. Und Jesus, der sich von „so einer“ anfassen lässt, der ist nicht besser als sie. Der Pharisäer, er weiß das und er ist besser, als diese beiden es sind.

Jesus fragt: Siehst du diese Frau? Die Antwort darauf lautet: nein, er sieht sie nicht. Er benutzt sie lediglich als Projektionsfläche seiner gesetzlichen Ideologie. Es ist ihm wahrscheinlich nicht bewusst, aber er kann in ihr keinen Menschen sehen und in ihrem Handeln keine Liebe. Auch auf Jesus projiziert er seine religiöse Vorstellung: der kann kein Prophet sein, geschweige denn ein Messias. Er lässt sich von einer Prostituierten anfassen, womit er so unrein ist wie sie. Kennt er denn das Gesetz nicht? Wäre er ein Heiliger, hätte er sofort gewusst, was für eine Frau das ist und hätte sie keinesfalls an sich heran gelassen, ganz im Gegenteil hätte er sie aktiv daran gehindert und sie auf ihren Platz verwiesen – draußen vor der Tür bei den anderen Hunden, äh… Sündern. 

Das muss uns zu denken geben: Innerhalb des einen Denk-Rahmens ist die Frau eine verdammte Hure und verachtete Sünderin, innerhalb des anderen Denkrahmens eine dankbare und mutige Liebende. Jesus ist in dem einen Rahmen ein bedauernswerter Sektierer, so gesetzlos wie die Hure, im anderen der gnadenvolle Retter. Alles kommt auf die Sichtweise an.

Wir müssen stets von der Möglichkeit ausgehen, dass wir nicht die ganze Wahrheit einer Situation oder gar eines Menschen kennen und nicht sehen, wie die Dinge sich wirklich verhalten. Wir verfügen nur über eine eingeschränkte und vorgeprägte Wahrnehmung und müssen darum „höllisch“ aufpassen, nicht zu urteilen, ehe wir bei Jesus nachgefragt haben. Es könnte alles ganz anders sein, als wir meinen. Möglicherweise das glatte Gegenteil von dem, wie wir die Situation einschätzen. Unsere Erkenntnis ist stets Stückwerk.

Die Versuchung der Ideologie, auch der religiösen, besteht darin, dass man an sich gar nicht mehr zu denken braucht, das haben schon andere für einen getan und die Wirklichkeit auf eine einzige Deutung festgelegt – nämlich ihre. Diese wird als einzig  wahr behauptet, und wer davon abweicht, liegt jedenfalls verkehrt und muss korrigiert werden. Auf diese Weise kommt es zu den immer dramatischeren Auswüchsen von Gewalt, die gegen Andersdenkende mobilisiert wird.

Die Pharisäer haben Jesus schließlich zur Hinrichtung überliefert – und fühlten sich völlig gerechtfertigt. Ja sie meinten gar, Gott damit zu dienen! Denn auch die Götter haben sich den Ideologien zu beugen, sonst liegen sie falsch und werden kurzerhand zu Dämonen erklärt…         

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