Unvorstellbare Gnade

Jesus sprach: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sagt: Lehrer, sprich!

Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner, der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig; da sie aber nicht zahlen konnten, schenkte er es beiden. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon aber antwortete: Ich denke, dem er das meiste geschenkt hat.

Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. (Lukas 7,40-43)

Nach den skandalträchtigen Ereignissen am Tisch des Pharisäers Simon, ergreift endlich Jesus das Wort. Er hatte die ganze Aktion der „Sünderin“, die ungefragt und alle gesellschaftlichen Etiketten überschreitend von hinten an ihn herangetreten war, seine Füße mit Tränen benetzt, mit ihren Haaren getrocknet, geküsst und dann mit Salböl behandelt hatte, ohne Kommentar geschehen lassen. Er weiß, wie brüskiert die Gesellschaft ist und wie tollkühn die Frau sich benommen hat. Er weiß, was der Pharisäer darüber denkt und innerhalb seiner Rolle gar nicht anders denken kann. Ich nehme an, da waren noch mehr Schriftgelehrte am Tisch, die genau auf so eine schändliche Geschichte gewartet hatten, die mal wieder typisch Jesus war. 

Jesus antwortet wie so oft mit einer Geschichte, die zunächst gar nichts mit dem vorliegenden Skandal zu tun zu haben scheint. Er überträgt die Situation aus einem religiös-gesetzlichen in einen einfach-menschlichen Kontext. Auch in seiner Geschichte geht es um die für die Religion so wichtige und bis ins Groteske überhöhte Frage der Schuld. Jemand hat dabei eine große Schuld, ein anderer eine zehnmal geringere. Jedoch kann sie der eine so wenig begleichen wie der andere.

Der Pharisäer, er sieht die sündige Frau als sehr schuldig an und sich selbst dagegen als zehnmal unschuldiger – aber dennoch wäre es Blasphemie, sich als schuldlos und rein zu bezeichnen, denn auch der Pharisäer weiß, dass kein Mensch vor Gott ohne Schuld ist. Er sieht es ja gerade als seine Lebensaufgabe an, durch die akribische Beachtung der Gebote Gottes möglichst wenig schuldig zu bleiben.

Das Gleichnis macht klar, dass es per se nicht möglich ist, die Schuld zu begleichen. Ob sie nun groß ist, wie bei der Sünderin, oder gering wie bei dem Pharisäer (obwohl Jesus die Sünde der selbstgerechten Pharisäer und Schriftgelehrten keineswegs als gering einschätzt). Es gibt nur einen Weg, sie loszuwerden. Der Gläubiger müsste sie einfach erlassen. Ihnen das Geld schenken. Aus purer Gnade. Die Haltung des Gläubigers wäre damit gegenüber dem großen Sünder die gleiche wie gegenüber dem kleinen Sünder. Es macht an diesem Punkt keinen Unterschied. Aber es macht doch einen, weil der, dem viel erlassen ist, er wird den gnädigen Gläubiger, der ihm die Schuld erlässt, mehr „lieben“, als der, der meint, seine Schuld sei zehnmal geringer. Vielleicht wird er so fassungslos über die Erlassung sein, dass er in Tränen ausbricht und sich etwas ganz Besonderes überlegt, was er dem Gläubiger tun oder widmen will, um seine Dankbarkeit irgendwie zum Ausdruck zu bringen. So tut es die Frau.

Simon hingegen ist in seinen Überlegungen blockiert. Er kann über die Verwerflichkeit der Frau nicht hinwegsehen, kann keinen anderen Zusammenhang herstellen, als den, dass alles, was sie tut, ihre Schuld nur bestätigt und ihre Sünde noch größer macht. Für sie gibt es in der Welt des Pharisäers keinen Platz, keine Hoffnung, keine Zukunft, nichts – nur Verachtung und Steine. In Kategorien von Gnade und Liebe kann er nicht denken, sein religiöses Weltbild lässt das nicht zu. DAS ist wirklich ein Problem. Und Jesus nimmt sich dessen an und holt Simon aus seinem ideologischen Gefängnis heraus, so wie er die Frau andererseits aus der drohenden Steinigung von frommen Leuten wie Simon rettet.      

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