Szenen im religiösen Theater

Die Frau trat von hinten an seine Füße heran, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und trocknete sie mit ihren Haaren ihres Hauptes. Dann küsste sie seine Füße (zärtlich) und salbte sie mit dem Salböl. Als aber der Pharisäer, der ihn geladen hatte, das sah, sprach er bei sich selbst: Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt, denn sie ist eine Sünderin. (Lukas 7,38-39)

Im gestrigen Beitrag besprachen wir, wie skandalös die Situation war, genau das, was die Pharisäer haben wollten, um eben genau das zu denken, was der Pharisäer bei sich selbst spricht: Wie kann Jesus nur! Wäre er der Messias, würden doch nicht überall und ständig solche Skandale geschehen! Wäre er ein Prophet, wüsste er Bescheid und hätte sich von dieser Frau niemals anfassen lassen. Was für eine anrüchige und entehrende Situation. Und Jesus lässt es alles geschehen!

Typischerweise kommt in Jesu Gegenwart die Wahrheit hervor. Die Dinge und die Menschen fangen an, sich zu zeigen, wie sie wirklich sind. Der eine Mensch, der hier Jesus wirklich anerkennt und ihm Liebe erweist, ist die Sünderin! Die Pharisäer und Schriftgelehrten (sicher war Simon, so hieß der Gastgeber, nicht der einzige seiner Art an diesem Tisch) dachten bei sich genau das, was sie immer und erwartungsgemäß denken.

Der Rest der Leute weiß sich angesichts der Lage nicht zu verhalten. Sicherlich ist das die Mehrheit der Leute. Sie verstehen nicht, was sich ihnen zeigt, sehen nicht die krasse Symbolik und Offenbarung darin, denn Jesus bringt stets ans Licht, was in den Herzen vor sich geht. Dort, wo wir sind, die wir sind und kein Theater spielen. Sie sind hin und hergerissen, auf welche Seite sie sich stellen sollen. Sie warten auf einen „Experten“, der die Lage entschärft, ihnen die Situation erklärt und sagt, was sie tun sollen. Wahrscheinlich die Frau ergreifen, rauswerfen und mit gutmenschlicher Empörung steinigen.

Jesus wartet, bis die Gedanken des oder der Pharisäer so laut sind, dass sie jeder hören kann: Wie kann Jesus nur! Warum gerät da, wo er durchkommt, die Norm(alität) immer dermaßen aus den Fugen? Warum weinen oder jauchzen Leute und zeigen Gefühle? Wie peinlich! Warum wollen sie Jesus anfassen? So wie diese Frau. Unmöglich! Warum hat Jesus ausgerechnet auf die Sünder eine solche Wirkung? Er macht sich mit ihnen gemein. Er muss einfach einen Dämon haben, Gleiches zieht Gleiches an, das ist doch gerade hier ganz offensichtlich!

Nun, Simon der Pharisäer meint, er verstünde, was Sache ist und wüsste, was und wer diese Sünderin und Hure ist, er braucht darüber keinen weiteren Gedanken verschwenden.  Er weiß auch noch, wie Jesus reagieren würde, wäre er denn ein Prophet; er hat für alles eine Schublade parat und keine Fragen bleiben offen. Nur dass die Wirklichkeit ganz anders ist…

In Wirklichkeit hat Simon keine Ahnung, wer diese Frau oder wer Jesus ist, ja nicht einmal, wer er selbst ist, denn auch er spielt nur eine Rolle im Theater. Wer er als Mensch dabei wirklich ist, ob seine tiefste Seele vielleicht auch gerne mal in Tränen ausbrechen und die Etikette verletzen würde, das ist ihm nicht bewusst. Sich zu zügeln, das ist eine seiner wichtigsten Aufgaben als Pharisäer! Er ist ein Vorbild, ein Beispiel für Tugend und Moral. Er spielt die ihm zugewiesene Rolle des Schriftgelehrten mit allem Drum und Dran den Regeln entsprechend.

In dieser Rolle deutet er die Welt in einer ihr entsprechenden Weise. Zum Beispiel ist klar, dass er auf der richtigen Seite steht und die Frau auf der falschen. Dass er gut ist und sie böse. Im Moment steht Jesus für ihn klar auf der falschen Seite. Entweder ist er so naiv, dass er nicht sieht, was für eine Frau das ist, die ihn da anfasst, oder er lässt sich bewusst von so einer die Füße salben, was ein no go ist! Jedenfalls in der Welt der Pharisäer.

Nun endlich ergreift Jesus das Wort und eröffnet Simon eine komplett andere Sicht der Situation, die zu völlig anderen Konsequenzen führt, die wiederum die ideologische „Box“ der religiös gehirngewaschenen Gesetzeshüter und ihr Theater so weit übersteigen wie der Himmel die Erde.

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