Die Hure und der Heilige

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, dass er mit ihm essen möchte, und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. Und siehe, da war eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war; und als sie erfahren hatte, dass er in dem Haus des Pharisäers zu Tisch liege, brachte sie eine Alabasterflasche mit Salböl und trat von hinten an seine Füße heran. (Lukas 7,36-38a)

Offenbar sprach sich im Ort sehr schnell herum, dass Jesus bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen war! Da sich das Missverhältnis mit den Schriftgelehrten immer weiter zuspitzte und sie stets darauf sannen, Jesus eine Falle zu stellen, ihn anzuklagen und zu belasten, ist das durchaus bemerkenswert. Und da waren noch stets seine Jünger bei ihm – ob sie draußen warteten und den Reportern derweile Interviews gaben? Jedenfalls war Jesus eine zu öffentliche Person, um mal eben ganz privat bei einem Pharisäer zu Mittag zu essen. Alles, einfach alles war bereits ein Politikum und wurde von vielen Parteien genauestens verfolgt.

Wie kam nun sie, die stadtbekannte Sünderin, eigentlich in das Haus dieses Pharisäers? Der jedenfalls wusste genau, wer sie ist, wie uns Vers 39 verrät. Eine Spannungsgeladene Situation also! Die Hure und der Heilige treffen im Haus des Pharisäers aufeinander. Kennen die sich etwa? Eine gute Schlagzeile für die Presse!

Die Versammelten halten den Atem an. Was wird jetzt geschehen? Jesus bleibt ganz gelassen und lässt die Frau an sich heran treten und ihn berühren. An den Füßen. Vor aller Augen. Das gibt es doch gar nicht! Das verstößt gegen jede Etikette, ist geschmacklos, schamlos, einfach nur dreist.

Die Unreinheit berührt die Reinheit! Noch eine Schlagzeile…

Was hat sie denn dabei? Eine Alabasterflasche mit Salböl. Seit wann haben Sünder solche heiligen und teuren Sachen? Wo hat sie das denn her? Wahrscheinlich von Ebay, die handeln ja einfach mit allem.

Will sie das Öl etwa Jesus geben, damit er sie salbt? Hier vor den Schriftgelehrten, den Würdenträgern und Ehrenmännern? Die Gedanken der High Society rasen, schon berichten draußen einige Gäste der Menge atemlos von den abgefahrenen Vorgängen im Innern des Hauses.

Nun bricht diese Sünderin, so nah bei Jesus, in Tränen aus und fängt schluchzend an, seine Füße damit zu waschen! Hat man so etwas je gehört oder gesehen? Alles Reden im Raum erstirbt, alle Augen sind voller Entsetzen auf diese arme Irre gerichtet, die unglaublicher Weise noch weitergeht und die Füße Jesu mit ihren Haaren(!) abtrocknet und dann – das geht nun sowas von zu weit! – beginnt, sie zärtlich zu küssen. Also nein!

Alle sitzen wie gelähmt, auch das Personal weiß sich nicht zu verhalten. Und dann, als Krönung ihrer Aktion, salbt die Sünderin die Füße des Messias mit dem Salböl. Nicht er salbt sie, nein, sie salbt ihn! Die ersten Gäste mit schwachen Nerven sind ohnmächtig zusammengesackt. Die Züge der Schriftgelehrten sind entgleist, ihre Lippen zittern, einige halten sich die Augen zu, um den Frevel nicht mit anzusehen. Anderen juckt es in den Fingern, diese Dirne auf der Stelle zu steinigen…

Hier liefert Jesus den Pharisäern alles, was sie nur haben wollen, die volle widersinnige, unmoralische, gotteslästerliche Packung. Der Skandal auf dem Silbertablett. Frei Haus. Hier ist nichts mehr wie es sein dürfte, die Regeln sind auf den Kopf gestellt, die Sicherungen brennen durch. Jesus sprengt mal wieder eine Gesellschaft…

Diese Frau, sie hat überhaupt noch nichts gesagt und scheint die ganzen Leute um sich her gar nicht wahrzunehmen.  Sie führt ihren aberwitzig kühnen Plan durch… nach ihr die Steinigung. Sie wird vorher gewusst haben, dass sie mit ihrem Leben spielt!

Und Jesus? Er lässt alles so geschehen… krass! Er lässt die Dinge sich entfalten und scheint keine Angst vor der kompromittierenden Situation zu haben. Er weiß genau, was vor sich geht und wer im Theater welche Rolle spielt. Anscheinend gefällt es ihm, das Drehbuch durcheinander zu bringen!

Für uns Christen, die diesem Jesus nachfolgen, ist die Frage, wo wir uns in so einer Situation wohl verortet hätten? Draußen bei der Presse? Drinnen bei den entsetzten Frommen? Bei der Sünderin? Bei Jesus? Hätten wir unsere Füße hingehalten?

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