Irdische und göttliche Weisheit

Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern. (Lukas 7,35)

In der Parallele in Matthäus 11,19 heißt es, die Weisheit ist gerechtfertigt aus ihren Werken.

Jesus hat den Leuten das törichte Verhalten der Menschen dargelegt, denen man es nicht recht machen kann. Auch an Johannes dem Täufer und ebenso an Jesus haben sie was auszusetzen und finden Ausreden, sich nicht auf sie einzulassen.

Insbesondere die Pharisäer und Gesetzesgelehrten,  also diejenigen, die sich im Besonderen für gebildet und weise halten, wissen alles besser und haben an allem was zu kritisieren.

Der Anfang der Weisheit ist, sich nicht für weise zu halten, sondern immer einen Anfängergeist zu behalten, der offen ist für Erneuerung und Erweiterung, Erkenntnis und Einsicht. Ein elitärer und gesetzlicher Geist, der meint, er wüsste schon alles und könne alle beurteilen, der ist alles andere als weise.

Hier haben wir einen Gegensatz: Die wahre Weisheit ist lebendig und beweglich, sie nährt sich aus der Nähe zu Gott, der uns an seiner Weitsicht, Umsicht und unergründlichen Einsicht beteiligt. Diese Beteiligung ist selig und stets frisch und überraschend. Sie kultiviert Demut, denn der Weise erkennt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Er hat erkannt, dass es Gedanken und Wege gibt, die „höher als die Erde“ sind und die Vernunft übersteigen. Der Weise weiß um seine Begrenztheit und hält sich zurück mit schnellen Antworten auf komplexe Fragen.

Nicht so die eingebildete Weisheit, die irdisch, menschlich, dämonische Variante, die „klug wie die Schlange“ ist. Sie meint, weil sie was gelesen und eine Schule besucht hat, einer Tradition folgt, deren Thesen studiert hat, usw., sei sie weise. Berechtigt, andere zu belehren, zu beurteilen und zu behandeln.

Das ist ja das Problem etwa der Justiz. Sie kann niemals das ganze Bild sehen, die ganze Geschichte kennen. Sie konstruiert je nachdem aus den wenigen Fakten, die  ihr vorliegen und zudem durch ihre Brille interpretiert werden, einen Fall und verurteilt aufgrund dessen jemanden zu einer Strafe. Wie hoch diese ausfällt, ist recht willkürlich und unterscheidet sich gewaltig von Gericht zu Gericht, von Land zu Land und Kultur zu Kultur. Wofür man in dem einen „Rechtskreis“ mit dem Tode bestraft wird, das steht in einem anderem überhaupt nicht einmal unter Strafe.

Es ist wie mit Krankheitsdiagnosen. Der eine Arzt und der eine Test hier verurteilen einen Patienten zum baldigen Tode, ein anderer Arzt mit seinem anderen Test dort winkt ab und schickt einen nach Hause. Aber jeder tritt völlig überzeugt auf, dass seine „Expertenmeinung“ die einzig richtige ist. Dinge, die uns heute völlig sicher erscheinen, sind es schon morgen nicht mehr. So auch die Interpretationen der Heiligen Schrift, der Worte Gottes. Sie werden von den Theologen der einen Denomination „ganz klar“ auf die eine Weise gedeutet und von einer anderen ganz anders, je nachdem sogar genau gegenteilig.  Es ist verwirrend!

Wir lesen, wie Jesus den Leuten Johannes den Täufer erklärt und ihn als den größten Propheten bezeichnet, der je geboren worden ist. Oha! Dieser Mann aus der Wüste, der weder Theologie studiert noch am Tempel gedient hat, der weder ordiniert ist noch ein geistliches Amt bekleidet, ist in den Augen der Schriftgelehrten vollkommen unqualifiziert, ein Niemand und ein Scharlatan, auf den sie selbst sich niemals einlassen würden und vor dem ihre Sektenbeauftragten  das Volk nur warnen können. Dieser ist nach dem Urteil Jesu jedoch „noch größer als ein Prophet“ (7,26). Ja, an Johannes vorbeizugehen, macht den „Ratschluss Gottes“ zunichte (7,30)! Es gibt kein an ihm Vorbeikommen. Wer Johannes und seine Taufe in die Buße ausschlägt, der hat sich ins Aus geschossen und für alles Weitere in Gottes Agenda disqualifiziert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.