Diesseits und Jenseits

Alle aber ergriff Furcht; und sie verherrlichten Gott und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns erweckt worden, und Gott hat sein Volk besucht. Und diese Rede von ihm ging aus in ganz Judäa und in der ganzen Umgegend. (Lukas 7,16-17)

Abenteuerlich, wie die Leute das Ereignis der Auferweckung des Jünglings von Nain nun aufnehmen und kommentieren. Furcht ergreift sie, weil ihr üblicher Bezugsrahmen gesprengt wurde. Etwas Größeres als der Tod war in ihre Welt eingebrochen. Ich kann mir vorstellen, dass alle einen Schritt von Jesus zurückgingen – wegen der ungeheuerlichen Macht, die soeben vor ihren Augen zum Zug gekommen war.

Wie ich immer wieder betone, entgeht uns aufgrund von Routine und Gewohnheit die Brisanz eines solchen Ereignisses. Wir kennen die Bibelstelle und sind fertig damit. Aber wir haben keine Ahnung, was das wirklich bedeutet, was da steht, bis wir einen von UNS zu Grabe tragen und uns vorstellen, da käme einer von der Seite herbei, hielte den Zug an, ließe den Sarg öffnen – was natürlich keiner tun würde, sondern per Handy schnell die Polizei rufen –, und holte UNSEREN Verstorbenen vor unseren Augen heraus – lebendig! Wie würden denn wir reagieren und das Geschehen deuten?

Für wen würden wir Jesus halten?

Nur wenn wir die Geschichten der Evangelien persönlich nehmen und auf uns heute und hier übertragen, kommen wir der Wirklichkeit dessen, was da geschehen ist, näher. Denn alles steht geschrieben für UNS, denn ist es einmal geschehen, will es wieder passieren. Jesus ist heute ganz genau der gleiche Gesalbte wie er es damals war, sein Erbarmen hat sich wohl ebenfalls kein Bisschen geändert. Und wir glauben an ihn… Wir glauben, dass er uns über den Verlust tröstet und es dem Verstorbenen im Jenseits bestimmt viel besser gehen wird, als hier. Das sind die allgmeinen, frommen Vorstellungen und Annahmen, die uns darüber beruhigen sollen, dass die Kraft Gottes heute eben nicht mehr wirkt wie damals. Wir müssen leben und sterben wie alle anderen auch – aber tun es mit christlichem Anstand. Kommt nicht nur mir das makaber vor?  

Die Leute von Nain wollen in Jesus nicht den Messias erkennen. Sie sprechen von einem „großen Propheten“, der ihnen „erweckt“ worden sei. Sie meinen, Elia oder Jeremia ist reinkarniert (siehe Mt 16,14). Selbst Johannes der Täufer schickt in den folgenden Versen Boten zu Jesus mit der Frage, ob er wirklich „der Kommende“ sei? Nun, wenn der „Kommende“ gekommen ist, dann braucht es kein Warten mehr auf einen fiktiven Messias, den sich jeder so zurechttheologisiert, wie immer er sich den vorstellt. Das ist das Problem. Wenn der echte Messias zu uns kommt – und möglicherweise nicht nur „zu Besuch“ (Gott hat sein Volk besucht…) – und unsere Sterberoutine unterbricht, wissen wir nicht, was wir damit anfangen sollen. „Wir dachten, du kommst noch nicht…“, stammeln wir, „erst später…“.

Wie sollten wir klar kommen damit, dass unsere Kranken gesund werden, Depressiven befreit werden und Toten auferstehen? Das kommt in unserer Lebensplanung und in unserem Weltbild gar nicht vor. Da haben wir doch all die Versicherungen, Einrichtungen und Experten, die Medikamente und Therapien, usw. Eine riesige Industrie lebt davon, dass der Messias sich bitte raushält und alle fein den Weg der Vergänglichkeit gehen – ohne Murren und Zweifel, von der Wiege bis zur Bahre. Gott ist für das Jenseits zuständig, wir fürs Diesseits. Das ist doch klar…

Wir alle müssen uns fragen, wer Jesus für uns ist. Nicht theoretisch und theologisch, sondern ganz echt. Heute und hier. Was ist denn eigentlich ein „Messias“? Was halten wir von dem? Was erwarten wir von ihm? Und was hält er wohl von uns und erwartet er von uns?

Wir müssen das dringend klären, sonst gehen vielleicht auch wir wie die Schafe den Weg der großen Herde ins Verderben. Ganz so, als sei ein Messias nie gekommen und wir hätten nur eine fromme Hoffnung auf ein fiktives Jenseits.     

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