Die Kraft des Erbarmens

Da wurde ein Toter herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe. Und eine zahlreiche Volksmenge aus der Stadt war mit ihr. Und als der Herr sie sah, wurde er innerlich bewegt über sie… (Lukas 7,12b-13a)

Hier bahnt sich die „Auferweckung des Jünglings von Nain“ an. So ist diese Geschichte in meiner Bibel überschrieben. Wie kommt es dazu? Eine Totenauferweckung, das ist in unseren Augen wohl noch größer als zuvor die Heilung des kranken Knechtes des römischen Hauptmanns. Dort wurden wir mit dem Prinzip des „Unter-Befehlsgewalt-Stehens“ konfrontiert – und dass ein Wort des Befehlshabers reicht, um der Krankheit zu befehlen. Jesus lobte diesen GLAUBEN des Soldaten.

Hier nun lernen wir eine andere Seite kennen, wie die Kraft Gottes zur Wirkung kommt. Durch ERBARMEN. Jesus sieht die schwere Situation der Witwe und ihres einzigen Sohnes, der gerade zu Grabe getragen wird – und es erbarmt ihn. Er sieht die Mutter – und ist innerlich bewegt.

Wie hoffnungsvoll für uns, dass Gott uns sieht und um uns bewegt ist!

Unser Schicksal ist ihm nicht gleichgültig, er ist nicht mit Wichtigerem beschäftigt, wie etwa der Priester und der Pharisäer, die an dem unter die Räuber gefallenen, der sterbend im Graben lag, einen Bogen machten. Jesus lässt sich ganz auf diese Situation ein. DAS ist die Wirkung von Erbarmen. Weder schickt er einen Boten hin noch bleibt er auf Distanz zum Geschehen. Er geht hin, hält die Prozession an und fasst die Bahre an. Wer tut denn sowas?

Wie bei so vielen Geschichten der Evangelien entgeht uns vielleicht die Brisanz dieser Episode, weil wir sie schon so oft gehört haben und wir schon alles darüber wissen. Wir wissen in Wahrheit aber erst dann etwas über etwas, wenn wir uns darauf einlassen. Wir wollen uns aber nicht einlassen und trotzdem meinen, wir würden Bescheid wissen oder gar glauben. Würden wir das, dann würden ja auch unsere Kranken gesund werden und jungen Leute, die sterben, wieder von uns auferweckt werden.

Aber so läuft es bei uns nicht, wir lassen uns in der Regel nicht tief genug auf die Schicksale ein, haben auch keine Zeit dafür, werden nicht so weit innerlich bewegt, dass wir hingehen und  eingreifen. Wir haben ja die Fachleute, Ärzte und Schwestern, die sich „professionell“ kümmern. Diese Professionalität drückt sich aber genau in Distanz, Sachlichkeit und Ungerührtheit aus. Man darf die Schicksale nicht zu nah an sich heranlassen, sonst kann man in einer Praxis, einem Krankenhaus oder Pflegeeinrichtung heute gar nicht arbeiten; die Menge des Elends würde einen erdrosseln. Damit wir die grauenhaften Schicksale aushalten, haben wir zwischen uns und die Sterbenden eine Menge Maschinen, Therapien, Kurvenblätter und Bürokratie gestellt. Oft kennen wir nicht mal deren Namen, nur die Diagnosen. Unsere Anteilnahme hält sich in Grenzen, denn in genau berechneten Minuten müssen wir zum nächsten Patienten eilen…

Auch sind die Krankheiten nicht zum Heilen, sondern zum Geldverdienen da. Lasst uns ehrlich sein, genau so sieht es heute aus. Und die schlimmsten Krankheiten sind die lukrativsten.  An dem „Tod eines Jünglings“ hätten heute viele Stellen viel verdient. Vielleicht hatte er einen Unfall und lag auf Intensivstation. Das bringt die meiste Kohle, vor allem, wenn er beatmet werden musste.

Zum Glück wurde er nicht eingeäschert!

Denn jetzt hält Jesus die Sargträger an, das Bestattungsunternehmen wird nervös. Was macht denn dieser Mann da? Und all diese Leute, die er mitbringt… was passiert hier? So etwas wurde noch nie von niemandem je getan. Das kommt im auf die Minute berechneten Ablaufplan der Veranstaltung nicht vor. Schon ist der zeitliche Rahmen gesprengt und das Friedhofspersonal schaut kribbelig auf die Uhr und fragt sich, wo der Sarg nur bleibt.

Dieses ganze „professionelle“ Geschäft um den Toten interessiert Jesus nicht. Er „sieht die Mutter“. Und seine Betrachtung der Situation ist nicht professionell, distanziert und sachlich, sondern mächtig herzlich, emotional und erbarmend.

Welche Hoffnung können wir alle haben, wenn Gott so mächtig menschlich ist?!

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