Strategische Partnerschaft

Eines Hauptmanns Knecht aber, der ihm wert war, war krank und lag im Sterben. Als er aber von Jesus hörte, sandte er Älteste der Juden zu ihm und bat ihn, dass er komme und seinen Knecht gesund mache. Als diese aber zu Jesus hinkamen, baten sie ihn inständig. (Lukas 7,24)

Alles an diesen Versen mutet seltsam an. Denn ist der Hauptmann nicht ein Römer? Einer der Besatzer? Und DER bittet Jesus, zu kommen? Und wen schickt er? Die Ältesten der Juden. Man meint, man liest  nicht recht! Das waren doch Jesu größte Gegner, die Vertreter des religiösen Systems, welches alles daran setzte, Jesus zu diskreditieren und aus dem Weg zu räumen. DIE kamen zu Jesus, gesandt von einem Vertrete des wiederum von ihnen verhassten römischen Reiches und bitten Jesus inständig. Wow!

Wir sind vielleicht geneigt, die Besonderheit der Situation zu überlesen. Was aber macht hier Feinde zu Freunden und lässt sie die gültigen Regeln, die AGBs übergehen? Die Ältesten begründen ihr Verhalten ja rein geschäftlich. Wie interessant! „Er ist würdig, dass du ihm das gewährst“ (V. 4b), sagen sie. Er ist nicht „würdig“, Hilfe zu finden, weil er danach fragt, er ist es auch nicht, weil eben ein Menschenleben in Gefahr ist. Als hätte Jesus bei seinen Heilungen je nach der „Würde“ und weiteren Qualifikationen eines Kranken gefragt, wie sie die Ältesten weiter ausführen: „er liebt unsere Nation und…“ – jetzt kommt es! – „…er hat uns die Synagoge erbaut.“ 

Ah, da haben wir den Grund der Ältesten, diesen Römer für „würdig“ zu befinden und wert, dass ihm mit seinem Knecht geholfen werde. Ob es in erster Linie, die Liebe zu Israel ist, die von den Ältesten honoriert wird, bezweifle ich. In der Religion ist alles Geschäft, genau wie es das in der Welt ist. Da gibt es keinen Unterschied. Zwar ist uns geboten, die Person nicht anzusehen, aber eine hohe Spende eines wohlhabenden Mäzens lockert noch immer die strengen Richtlinien und lässt Wege finden, sie zu umgehen. Der Hass auf die Römer im Allgemeinen wird unter diesen Umständen aufgehoben, so wie auch der Hass auf Jesus. Denn die Geschäfte verlangen jetzt Diplomatie, „strategische Partnerschaft“, schließlich geht es um viel Geld.

Eine wunderbare Episode. Und Jesus geht mit ihnen… sie meinen wahrscheinlich, weil er die Vorteile sieht und den Wert – oder sagen wir: den Nutzen – dieses Hauptmanns erkennt. Vielleicht meinen sie in diesem Moment, dass Jesus doch gar nicht so übel ist, wie es ihnen von den werten Kollegen geschildet wurde. Dass er genauso käuflich ist wie sie. Dass er das Spiel doch wunderbar mitspielt. Dass er tut, was sie ihm sagen…

Aber all das trifft nicht zu, denn Jesus ist nicht religiös und er ist auch kein Ideologe, er hat weder strategischen Partnerschaften noch diplomatische Schachzüge für gute Geschäfte im Sinn. Die weitere Entfaltung dieser Geschichte wird zeigen, worum es Jesus geht und was in seinen Augen der wahre Wert ist, der auch den Knecht heilt. Vor den Augen der Ältesten und den Augen der Volksmengen, die mitgehen und sich wohl fragen, ob Jesus auf einmal zum Freund der Ältesten und Helfer der Römer mutiert ist und doch – wegen der geschäftliche Vorteile – die Person ansieht und Unterschiede macht, wer „würdiger“ ist als andere, geheilt zu werden, sagt er es in einem Wort: Glauben. Er findet bei diesem Hauptmann eine Qualität von Glauben, die er gegenüber dem Volk und den Ältesten als „groß“ herausstellt. Und man kann zwischen den Zeilen lesen, dass er sich wünschen würde, einen solchen Glauben in „Israel“ zu finden – aber vergeblich. Ein kleiner Seitenhieb gegen die „Ältesten“, unter deren Aufsicht ein solcher Glaube offenbar nicht kultiviert wird.  

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