Das Brett vor dem Kopf

Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber, der in deinem eigenen Auge ist, nimmst du nicht wahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, erlaube mir, ich will den Splitter herausziehen, der in deinem Auge ist, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter herauszuziehen, der in deines Bruders Auge ist. (Lukas 6,41-42)

Dann wirst du klar sehen… Das große Ziel aller geistlicher Erweckung und Entwicklung.

Die meisten meinen indes, sie hätten bereits den Durchblick – auch ohne Erweckung und Entwicklung – und beschäftigen sich ausschließlich mit der Behandlung der anderen. Es braucht eben jene Demut, über die der Beitrag gestern sprach, um für möglich zu halten, dass man ein Brett vor dem Kopf hat.

In der Welt werden diese Bretter nicht wahrgenommen, sondern ignoriert, wegerklärt, ja kultiviert, usw. Alle halten sich für klug, während sie dumm sind. Klug wäre es, davon auszugehen, dass wir keine Ahnung haben, Anfänger sind, blind und taub für die wirkliche Wirklichkeit, die sich uns nur erschließt, wenn Jesus uns Stück für Stück das Brett vor dem Kopf bzw. den Balken in unserem Auge wegnimmt. Er kann das nicht auf einen Schlag tun, zu sehr würde es uns irritieren, blenden und schmerzen. Immer ist die Frage die, wieviel Wirklichkeit wir ertragen können, ohne wegzulaufen…

Wo kommen die Balken her? Wir selbst haben uns aus vielen Balken und Brettern einen Verschlag gezimmert, in dem wir uns vor der Wirklichkeit verstecken und uns eine ganz eigene Welt zurechtlegen. Die Welt und ihre Ideologien, die Teufel und ihre Verblendungen habe uns dabei geholfen. Dort – im Dunkeln – beschäftigen wir uns viel mit den Splittern in den Augen der anderen, deren Fehlern und Unmöglichkeiten, denn unsere eigene Wahrwerdung haben wir längst eingestellt und „dicht gemacht“. Wir träumen in unserem Verschlag von einem guten Leben außerhalb und meinen, die anderen sind es, die es uns schwer machen. Immer projizieren wir unsere eigene Behinderung und unsere Schatten auf die anderen. Das ist der Weg der Heuchler.

Jünger sind daran zu erkennen, dass sie langsam mit dem Urteilen über die anderen sind und stets davon ausgehen, dass sie weder „die ganze Wahrheit“ kennen – über wen und was auch immer –, noch für diese Beurteilungen zuständig sind. Jeder muss seine Blindheit, Splitter und Balken im Auge, Bretter vor dem Kopf und blinden Flecken selber erkennen, was nie geschehen wird, wenn er nicht davon ausgeht, sie zu haben. Und zwar nicht aus einem tragischen Unfall heraus, sondern aus einer ganz persönlichen, egozentrischen Entscheidung,  die Wirklichkeit zugunsten einer Ego-Illusion auszublenden, zu selektieren, zu interpretieren und zu beugen nach eigenem Kalkül. Wir wollen das Licht nicht sehen. Wir wollen die Wahrheit nicht wissen, wir lästern lieber noch ein wenig über die Dummheit und Uneinsichtigkeit unseres Nächsten ab. Erhöhen uns selbst, indem wir die anderen erniedrigen. Perfektionieren unsere Heuchelei. Unsere Welt ist voll von Klatsch und Tratsch, von Vorurteilen und irrigen Deutungen voller Anmaßung.

Stellen sie sich vor, wie es wäre, wenn heute der Tag ihres letzten Urteils wäre; wenn sie nach dem heutigen Tag niemals mehr sich selbst oder andere  Menschen verurteilen würden. (D. M. Ruiz)

Wenn wir aus unserem Verschlag herauskommen, weil Jesus uns glücklicherweise darin heimsucht, an der Hand nimmt  und  herausführt, dann sind wir völlig bestürzt über das Ausmaß unserer Beschränktheit und Blindheit, die wir für „Freiheit“ und “klare Sicht“ gehalten haben. Dieser Prozess des „ans Licht Kommens“ dauert unser ganzes Leben lang an. Wenn unser Auge heiler und lichter geworden ist, werden uns allerlei Leute ganz von alleine nach unserer Meinung und Sicht der Dinge fragen. Und wir werden immer vorsichtig mit den Antworten sein… 

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