Der Weg der Jüngerschaft

Er aber sagte auch ein Gleichnis zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden leiten? Werden nicht beide in eine Grube fallen? Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer, jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer. (Lukas 6,39-40)

Der Meister ist der Sehende und der Jünger der Blinde. Wenn wir uns zu schnell sehend (erleuchtet) halten, dann gibt es das Problem der Grube, in die der vermeintliche „Lehrer“ mitsamt seinen  Schülern fällt.

In den Versen zuvor hat Jesus unvorstellbar hohe Maßstäbe an die Jüngerschaft gelegt. Er legt sie nicht an die Allgemeinheit, sondern an die, die ihm folgen, ja noch mehr, die sich an ihn hängen, mit ihm verbinden und verbünden, die eine wirkliche Einheit mit dem Meister suchen – und nicht eine schöne Sonntagspredigt, eigene Gemeinde oder eigenen Dienst, eine Erfolgsgeschichte, zu der ihnen Jesus bitte verhelfen soll oder sonst eine Ego-Agenda.

Dabei wird klar, dass die Jünger menschlich gesehen überhaupt keine Möglichkeit haben, zu sein wie Jesus. Je eher das klar wird, desto besser! Denn wenn wir meinen, wir würden das schon irgendwie und irgendwann hinbekommen, werden wir religiös und religiöse Blindheit ist die schlimmste Form der Blindheit überhaupt! Denn gerade religiöse Menschen neigen dazu, ihr Wissen, ihre Moral und Erkenntnis (Theologie) oder sonstige Attribute der Frömmigkeit für Erleuchtung zu halten und also zu meinen, sie sehen. Und da sie sich für sehend halten, wie es auch die Pharisäer von sich glaubten, bitten sie Jesus erst gar nicht um Augensalbe und eine Einführung in die wirkliche Wirklichkeit heraus aus ihrer eingebildeten Wirklichkeit, die immer noch die reine Finsternis ist.

Um die Worte Gottes zu reden und zu leben, wie Jesus und das in der gleichen Art und Weise wie er, das braucht einen „neuen Menschen“, einen, der noch einmal geboren wurde, um Gottes Heiligkeit und Herrlichkeit, Kraft und Macht teilhaftig zu sein. Nur so können die Werke Jesu getan werden. Dafür müssen wir der Welt entbunden und dem Himmel verbunden werden. Das ist das Programm für die Jünger! Darum schauen sie unentwegt weg von sich selbst auf Jesus, von dem Irdischen hin auf das Himmlische. Das eine vergeht ihnen, das andere wird ihnen.

Warum muss Jesus betonen, dass der Jünger nicht über seinem Lehrer ist? Ist das denn nicht klar? Nun, wenn wir die Kirchengeschichte und die daraus resultierende heutige Totalabweichung der Gemeinde von Jesus betrachten, dann scheinen sich die „Schüler“ schon lange nicht mehr als Schüler zu betrachten, sondern das Heft in die eigene Hand genommen zu haben. Jetzt regieren wir! Was dabei herauskommt, sehen und erleiden wir seit hunderten von Jahren. Eine Grube (ein Abgrund) nach der anderen, in die die Gemeinde fällt. 

Aber dann kommt das unglaubliche Wort: „Jeder (Jünger), der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer.“ Das Ziel der Jüngerschaft ist also klar definiert: Sein wie der Meister. Von dieser Vollendung  hat die Kirche sich verabschiedet und macht ihr eigenes Ding und bestellt ihre eigenen „Lehrer“. Wo finden wir Jüngerschaft? Wo Jesus-Gleichheit?

Damit Jesus uns erziehen und führen kann, braucht er unsere Demut, anzuerkennen, dass wir „blind“ sind und immer geneigt, unser eigenes Ding zu drehen und mit unseren „hohen Erkenntnissen“ durchzubrennen und durchzudrehen. Von Jesus selbst lesen wir explizit, dass er „sanftmütig und von Herzen demütig ist“ (Mt 11,29). Wie könnten wir als Jünger da anders sein? Ob wir Jünger sind, das müssen wir indes, ein jeder für sich selbst,  Jesus fragen. Denn das beurteilt der Lehrer und der Meister selber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.