Göttliche Barmherzigkeit

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden; verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden. Lasst los, und ihr werdet losgelassen werden. (Lukas 6,36-37)

Hier setzen sich die menschnunmöglichen Forderungen an die Jünger fort. Sie sollen und müssen auf einem ganz anderen – göttlichen – Niveau leben, als die übrigen der Menschen. Sie müssen dafür verwandelt werden in eine neue Schöpfung, die nicht die alte Schöpfung in religiösem Gewand ist, sondern ein neuer Mensch, der Gott entspricht und sein Wesen widerspiegelt. Das wäre dann das „Zurück auf Los“, denn so war ja Adam geschaffen, hat es aber im Sündenfall verloren, um ein Egoist zu werden, der selbst-herrlich und selbst-gerecht ist. Um auf eigene Faust zu sein wie Gott. Da lässt der Teufel grüßen!

Im Sündenfall wurde das Selbst-Bewusstsein des Menschen geboren – und auf einmal wurden Adam und Eva sich gewahr, dass sie nackt waren – und sie schämten sich und versteckten sich und sie schuldigten sich gegenseitig an… Das geschenkte Paradies war für sie vorüber, nun würden sie sich selbst eines „erarbeiten“ – im Schweiße ihres Angesichts. Wir sehen ja heute, was dabei herausgekommen ist. Der Sündenfall geht immer weiter.

„Seid Barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ definiert das Wesen der Jüngerschaft. Es besteht darin, Gott zu entsprechen. Also wollen wir nicht barmherzig sein, wie WIR Barmherzigkeit religiös, philosophisch und humanistisch gemäß unserer egozentrischen Weltsicht definieren, sondern wie unser Vater barmherzig IST – in Erweisung des Geistes und der Kraft.

Die Barmherzigkeit Gottes ist nicht wie die Barmherzigkeit der Welt und nicht wie die der Kirche für steuerbefreite mildtätige Zwecke. Sie ist so viel höher als die Welt wie der Himmel höher ist als sie und ihre Wege sind so viel höher, wie die Wege des Himmels höher sind als die Wege der Welt, in der alles Geschäft ist – auch die Caritas.

Als Jünger wollen wir in diese höhere Qualität und Kraft von Barmherzig- keit eingetaucht werden, was eine Offenbarung und Initiation durch den Heiligen Geist braucht. Ohne das bleiben wir auf der menschlich-irdischen Ebene stehen.

Um diese Taufe in die höhere Barmherzigkeit erfahren zu können, braucht es allerdings, dass wir „loslassen“. Solange wir richten und urteilen, so lange wir nicht vergeben und uns abwenden, so lange bleiben wir gebunden an eben das, was wir richten und verurteilen. Die Barmherzigkeit Gottes ist viel intelligenter als wir und findet immer einen Weg, das Unrecht zu bewältigen und uns zu trösten und zu rehabilitieren. Aber nur, wenn wir loslassen, freigeben und nichts und niemanden festhalten. Das ist ein Gesetz.

Natürlich will der Teufel uns auf der Erde und unter seiner Kontrolle behalten. Also sorgt er dafür, dass wir ungerecht behandelt und verletzt werden. Dann wollen wir uns rechtfertigen – anstatt, dass Gott uns rechtfertigt. Dann wollen wir verurteilen – anstatt das Urteil Gott zu überlassen. Dann wollen wir richten – und Gott damit vorgreifen, der alleine in der Lage ist, recht zu richten.

Das Problem ist, dass wir fürchten, Gott sei vielleicht dermaßen barmherzig, dass er unser Recht aus den Augen verliert und alle Ungerechten mit ihren Bosheiten davonkommen lässt. Dem ist aber nicht so. Gott wird jegliches Recht wiederherstellen, denn dies ist ja die Grundlage von Frieden – und Gott ist ein Gott des Friedens. Darum muss er auch richten. Aber sein Gericht dient eben der Wiederherstellung aller Dinge und nicht einfach deren Abstrafung oder Vernichtung.

Das Schöne ist, wenn wir nicht richten und nicht verurteilen, sondern loslassen, dann kann Gott es tun – und er tut es auch. Dann staunen wir und dann sehen wir, wie unser Vater für Recht sorgt. Dann lassen wir erst recht los und werden, ohne es überhaupt zu merken, immer barmherziger. Halleluja!

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