Der andere Bezugsrahmen

Aber euch, die ihr hört, sage ich: Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch beleidigen. (Lukas 6,27-28)

Hatten es die Seligpreisungen und „Wehe“ der Verse 20-26 schon in sich, da es gilt, die Grundbedürfnisse nach Wohlstand, Versorgung (Sättigung), Freude und Anerkennung in einen neuen  Bezugsrahmen des Reiches Gottes zu stellen, so geht es nun in die Vollen. Die Verse 27-35 sind kaum zu ertragen und stellen eine völlige Überforderung des „alten Menschen“ dar.

Immer noch spricht Jesus nicht zur Allgemeinheit, sondern zu den Jüngern und frisch berufenen Aposteln (6,12-16). Von ihnen erwartet er, dass sie hören, wie Jünger hören und nicht, wie die anderen. Was ist der Unterschied? Die einen hören Jesus ausschließlich für die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse zu, also das, was die Jünger nicht motivieren soll. Die einen hören Jesus um ihretwillen. Sie wollen wissen, was sie von Jesus haben und wie er sie segnen kann. Im Mittelpunkt bleibt das Ego bzw. das Fleisch. Dieses kann Jüngerschaft weder denken noch tun, aber religiös sein und „Bitte-bitte!“ sagen, das kann es schon. Jüngerschaft ist der Weg, das Ego zu überwinden und in die Freiheit des Reiches Gottes einzutreten – in Christus. Dort gelten dann ganz andere Gesetze, wie uns Römer 8,2 sagt:

Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus hat dich frei gemacht von dem Gesetzt der Sünde und des Todes (außerhalb von Christus). 

Die Menschen, die nie etwas anders erlebt haben, als das Gesetz der Sünde und des Todes, können sich nicht vorstellen, aus dem Geltungsbereich dieses Gesetzes herauszutreten in einen anderen Rechtsraum, der geradezu das Gegenteil von dem gewohnten und bekannten darstellt. In diesem anderen Raum regiert nicht die Sünde zum Tod, sondern die Gnade zum Leben. Gnade ist mehr als ein Konzept, es ist eine Kraft und Macht, die höher ist, als die Kraft der Sünde. Sie finden wir nicht in der Welt, sondern in Christus. Alles, was uns in diesen schwierigen Versen von Lukas 6, 27-35 gesagt wird, kann nur in der Kraft der Gnade gelebt werden. Im Machtbereich der Sünde ist es ganz unmöglich und völlig undenkbar. Alles in uns sträubt sich dagegen und weiß nicht, wie man so sein kann. Aber einer ist so: Jesus.

Darum geht es für die Jünger, die mehr als religiös sein und im Bereich des irdisch-menschlich Machbaren bleiben wollen, darum, in Christus hineingetauft zu werden durch den Heiligen Geist. Dort – in Ihm – ist die Freiheit, die es braucht, um die Welt und das Ego zu überwinden. Und das nicht dadurch, ewig dagegen anzukämpfen, sondern in einem Bereich außerhalb ihrer Reichweite zu stehen. In Christus sind wir jenseits der Ansprüche und der Macht des Fleisches, der Sünde und des Todes, wir sind mit Jesus im Himmel bzw. im Reich Gottes.

Jüngerschaft definiert sich ja dadurch, dass wir stets genau dort sein wollen, wo Jesus ist. Ein Titel von Jesus ist „Immanuel“, was bedeutet: Gott mit uns. Und als Jünger wollen wir mit IHM sein. Das ist der Bund, den Jesus mit uns schließt: Ich mit euch, ihr mit mir. Und noch tiefer geht es im Gleichnis vom Weinstock und den Reben: Ich IN euch, ihr IN mir. Christus IN uns und wir IN Christus. In diesem göttlichen und geistgewirkten  Ineinander-Sein werden wir der Macht der Gnade in einem Maß und einer Offenbarung teilhaftig, dass wir tatsächlich anfangen, zu leben wie Jesus. Und es ist nicht eine Bemühung, sondern ein Ausfluss und Ausdruck dieses Ineinander-Seins, der VerBUNDenheit mit Jesus.

Wer das erlebt, der ist fertig mit Religion, denn dort bemüht sich der Mensch um seine selbstgemachte Christlichkeit, die nach wie vor ganz unter dem Gesetz der Sünde und des Todes steht. In der religiösen Kirche dreht sich denn auch alles um die Sünde. Sie ist dort prominent und mächtig, bestimmend für alles, was rituell getan wird. Die Macht der Gnade wird indes zumeist nicht erfahren oder nur in einer religiös abgewandelten Form, die mit der wirklichen Gnade nichts zu tun hat.

Das Leben im Reich Gottes wird von der Kirche i.d.R. auf nach den Tod verlegt. Aber der Tod ist ja in Christus schon eingetreten bzw. vollbracht, die Macht der Sünde ist in Christus gebrochen und in ihm finden wir den Ausweg aus dem Diktat des Ego, der Sünde und des Todes. Wir werden mehr als fromm, wir werden lebendig. Jünger setzen alles daran, diesem Auferstehungsleben teilhaftig zu sein – und das vor dem Tod, heute und hier. In Christus. Dieses Geheimnis kann uns nur der Heilige Geist offenbaren. Wir können ihn darum bitten.

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