Große Freude

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird. Denn euch ist heute ein Retter geboren, der ist Christus, Herr, in Davids Stadt. (Lukas 2,10-11)

Den geschockten Hirten wird von dem Engel diese Ansage gemacht. So beginnt die Geschichte der Geburt Jesu: große Freude!

Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Jahre meines Christseins von „großer Freude“ keine Rede sein konnte. Ich lass die Bibel und fühlte mich ausschließlich überfordert und verdammt. Ich ging in die Gemeinde und fühlte mich genauso überfordert und verdammt. Das ganze Christsein hatte mit frommer Leistung und zwanghaftem Wohlverhalten zu tun, und in beidem war ich nicht besonders gut. Ich schämte mich, dass ich an diesem Christsein, diesem Bibellesen und in die Gemeinde gehen keine Freude hatte.

Ich war Teenager und schaute hinter die Kulissen so mancher Familien, weil ich deren Kinder kannte. Ich sah eine komplett andere Welt, als wie sie Sonntags in der Gemeinde von ihnen inszeniert wurde. Da wurde gestritten, gelitten und durchgekommen, genau wie bei den ungeretteten Leuten. Die Erlösung schien bei vielen in den Alltag und die Familie nicht wirklich vorzudringen oder durchzuschlagen. Angesichts dessen fand ich das „Getue“ am Sonntag heuchlerisch bis hinten gegen.

Ich konnte nirgendwo „große Freude“ entdecken, eher ein gehöriges Maß an Depression. Denn niemand, den ich kannte, entsprach den geforderten, christlichen Standards. Die „große Freude“ wurde uminterpretiert in die „stille, innerliche Freude“ von der niemand etwas mitbekommt, nicht einmal man selbst. So blieb es bei einem theologischen Konstrukt. Die Engel, ja, die hatten gut Frohlocken, aber wir ungenügenden Christen, wir hatten demütig Sünden zu bekennen und keinerlei Anlass, uns zu freuen. So viele Gründe sprachen gegen die Freude…

Später dachte ich, wenn ich einer dieser Hirten gewesen wäre, dann hätte mich diese Engelserscheinung schon mächtig umgehauen. Das so etwas MIR widerfahren sollte? O Wunder der Gnade! Es ging dem Engel jedoch gar nicht die Hirten und deren außergewöhnliche Frömmigkeit…

Dann wäre ich mit den anderen Hirten nach Bethlehem gegangen und hätte tatsächlich dieses junge Paar – Maria & Joseph – in jenem Stall gefunden. O das hätte mich gerührt! Wie mutig die gewesen sind! Und dann dieses süße Baby… Nein, es hätte mich nicht unter religiösen Druck gesetzt, ich hätte mich vor diesem Retter-Kind nicht gefürchtet und ihm auch keine Sünden gebeichtet. Es hätte mich entzückt. Ich hätte gestaunt und mir fassungslos die überaus seltsame Geschichte dieser Geburt von Maria erzählen lassen. Und dann wären jene „Magier aus dem Osten“ angekommen, exotisch und mit Geschenken wie aus Tausend und einer Nacht. Sie seien einem Stern gefolgt, sagen sie. Aha…

Ich hätte eine tief beeindruckende, rührende und wundervolle Geschichte erlebt – fern von Religion, Schriftgelehrten und Kirchen, fern von Statuten, Leistungsanforderungen, Verhaltensregeln und Verdammnis. Vertreter der Synagoge und Priester tauchen keine auf. Sie schlafen wahrscheinlich.

Dann hätte ich neben einem Schaf oder Kamel gesessen und gedacht: Und DAS ist also die „Heilige Nacht“!? Nichts daran kommt mir „heilig“ vor, wie heute „Heiligkeit“ verstanden wird. Alles ist so… menschlich und gleichzeitig so göttlich. Niemand würde sich die Geburt des Retters der Menschheit so vorstellen, so… unreligiös und unsakral. Es ist skurril. Es ist irritierend.

Mit den Stunden würde ich mich entspannen und mit der Entspannung würde große Freude in meinem Herzen aufsteigen über diese ganze Geschichte… und das ich dazugehöre!

Meine These: Wir werden der „großen Freude“ nur teilhaftig, wenn wir solche Dinge erleben. Lediglich Predigten darüber hören, reicht nicht. Der Heilige Geist will uns in die Wirklichkeit hinter der Predigt eintauchen, er will uns eine Erfahrung damit machen lassen, als wären wir dabei gewesen. Dann wissen wir, wie es wirklich war und immer noch ist und kommen auch in die „große Freude“ hinein. Sie hat aber nichts mit Kopf-Wissen zu tun, sondern mit einer Herzens-Erleuchtung, die der Geist uns vermittelt. Anders funktioniert m. E. Christsein nicht.

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