Die Registrierung der Welt

Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung vom Kaiser Augustus ausging, den ganzen Erdkreis einzuschreiben. … Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, ein jeder in seine Vaterstadt. Auch Joseph… (Lukas 2,1+3-4a)

Wir sehen, an der Bürokratie hat sich nichts geändert. Sie will schon damals alles erfassen, registrieren und kontrollieren. Nun war die Volkszählung ohne technische Hilfsmittel aufwändiger als heute, aber egal, sie fand statt, denn die Obrigkeit verlangte es so. Frieden durch Ordnung durch Kontrolle.

Die Idee, Menschen zu Zahlen zu machen, zu Fällen in Akten, zu Daten in Formularen und Erfassungen in Statistiken, ist also uralt und Teil der hierarchischen Kontroll-Matrix, in der wir gewohnt sind, zu leben. Was nicht registriert ist, das gibt es nicht. Was nicht nummeriert und katalogisiert ist, ist „wild“ und gefährlich, eine Ausnahme, die beobachtet werden muss. Da die Wirklichkeit sich auf diese Weise jedoch nicht abbilden und regulieren lässt, wird sie für das Kontrollsystem unsichtbar. Der wirkliche Mensch wird nicht mehr erkannt.

Das System macht aber beim Menschen nicht Halt, es ordnet auch Gott ein und unterwirft ihn Satzungen, Theologien und Bedingungen, die natürlich durch und durch unangemessen sind, aber so machen wir es. Denn wir glauben an Frieden durch Ordnung durch Kontrolle. Dann haben wir „Ruhe“, denn wir haben „alles im Griff“. Dann können wir Gott allerdings nicht mehr wahrnehmen, weil er diese Strukturen übersteigt und sprengt und sich nicht nach ihnen richtet, also „wild“ und gefährlich ist.

Das bürokratische Kontrollsystem schafft also eine Ersatz- bzw. Parallel-Wirklichkeit, die die wirkliche Wirklichkeit in ihre Struktur zwingen will, um sie zu verwalten, aber die Wahrheit lässt sich nicht auf diese Weise erkennen und bestimmen, sie zeigt sich nur in Freiheit und in Liebe. Beides kann die Matrix nicht.

Besonders gut kann die Matrix „Dinge“ verwalten. Sie macht alles zu Gegenständen, auch Menschen, auch Gott. Aber das LEBEN ist dafür zu lebendig. Also wird es beschränkt, beschnitten und „erzogen“, bis es in allen Aspekten normiert und reguliert ist. Das ist für dieses Kontroll-System die Definition von „Frieden“. Alle sind unter ständiger Aufsicht, alle relativ gleichgeschaltet, alle bewegen sich in den vorgegebenen Parametern. Wie sehr das auch auf die traditionelle Kirche zutrifft, ist bestürzend. Vielfalt wird nicht als Segen, sondern als Bedrohung wahrgenommen, Abweichungen von den Vorgaben werden rasch korrigiert, damit sie den Frieden nicht gefährden. Nur dass der wirkliche Mensch und der wirkliche Gott immer abweichen und aus dem Rahmen fallen. Sie sind unfassbar tief, weit und hoch – und sie entwickeln sich, und noch mehr, sie verwandeln sich sogar – wie die Raupe zum Schmetterling. Das Leben auf eine Form festzulegen und auf eine Variante zu fixieren, bedeutet, es zu töten. Dann kann man es perfekt verwalten!

Also bleiben Gott und Mensch verborgen und verkannt, versteckt und verdrängt. Wer sie wirklich sind, ist dem System auch unwichtig. Sie haben ihre vorgegebenen Rollen zu spielen und den Anweisungen zu folgen, damit sie „richtig“ funktionieren. Und wollen sie nicht richtig sein, dann machen wir sie richtig – zu ihrem Besten natürlich. Zuerst einmal „stellen wir sie ruhig“ und dann „stellen wir sie ein“, damit sie wieder regelrecht funktionieren. Wie Maschinen. Genau. Damit haben wir es zu tun. Und weil dies schon über Jahrhunderte und Jahrtausende so läuft, merken wir es gar nicht mehr. Kaiser Augustus lässt grüßen.

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