Stark werden im Geist

Und alle, die es hörten, nahmen es zu Herzen und sprachen: Was wird wohl aus diesem Kindlein werden? Denn auch des Herrn Hand war mit ihm…

Das Kindlein aber wuchs und erstarkte im Geist und war in der Einöde bis zum Tag seines Auftretens vor Israel. (Lukas 1,66+80)

Was verbinden wir mit diesen Begriffen: „Hand des Herrn“ und „Erstarken im Geist“? Und das bei einem Kind.

Ein Anliegen dieser täglichen Betrachtungen ist die Herauslösung der der christlichen Gemeinde allseits bekannten Worte und Geschehnisse, wie hier die Geburt von Johannes dem Täufer, aus der religiösen Verzerrung, die sie über Jahrhunderte hin erfahren haben. Damit wir wieder sehen, was da wirklich steht und einen unreligiösen (freien) und persönlichen Zugang dazu finden. Denn die Worte stehen da für uns und wollen uns zeigen, wie Gott auch an uns handelt und wie der Geist heute an uns wirkt.

Religiöse Überhöhungen, Entfremdungen und Verzierungen wirken wie ein Schleier auf dem Wort Gottes. Wir lesen es gefiltert und domestiziert. Dass diese Leute dort, wie Zacharias und seine Frau Elisabeth mit ihrem Kind Johannes, ganz normale Menschen gewesen sein könnten, die mit den gleichen Fragen zu kämpfen hatten wie wir, das kommt uns aufgrund dieser Verschleierung nicht in den Sinn. Dass Gott heute und hier an uns so handelt und nicht anders, als dort und damals an jenen Leuten, das fällt uns schwer, zu glauben. Die waren doch so anders, meinen wir, so heilig, so auserwählt und einzig, dass wir kaum akzeptieren können, dass wir das ja ebenfalls sind. Schon diese Annahme kommt uns abwegig vor, stolz und überheblich. Was sie aber nicht ist, wenn wir verstehen, dass alle diese Geschichten in den Evangelien exemplarisch und mustergültig sind für allezeit und alle Menschen, denn „so sehr hat Gott die Welt geliebt, …“ (Joh 3,16) Die „Welt“, das sind wir Menschen und unsere Familien, Gesellschaften und Kulturen mit ihrer Geschichte gestern, heute und morgen. Gott hat den Menschen geschaffen, sein Gegenüber zu sein und daran hat sich nichts geändert.

Die Menschen damals haben etwas an dem Kind bemerkt, was sie so deuteten: „Die Hand des Herrn ist mit ihm“. Wahrscheinlich erkannten sie die Hand des Herrn bereits auf der unmöglichen Schwangerschaft und gelungene Geburt bei der alten Elisabeth. Ohne ein göttliches Eingreifen und Durchtragen konnte das doch gar nicht gelingen. Und dann diese seltsame Stummheit von Zacharias, die sich auf einmal mit der Geburt löste. Das waren doch ganz praktische und faktische, ganz irdische und konkrete Geschehnisse, die jeder bezeugen konnte. Hier ging es nicht um Theologie und Schriftauslegung, hier geschahen Zeichen und Wunder ohne Wenn und Aber! DAS ist die Hand des Herrn.

Dass das Kind „im Geist erstarkte“ heißt nicht, dass es zu einem kleinen Schriftgelehrten wurde und beste Noten im Religionsunterricht bekam. In Vers 17 hieß es, Johannes wird schon von Mutterleibe an mit Heiligem Geist erfüllt sein. In diese Erfüllung muss ein Mensch hineinwachsen, egal wie alt er ist. Das Leben im Geist ist eine tägliche Schule. Je eher damit angefangen wird, desto besser. Es ist etwas anderes, als das Leben im Ego, was leider die einzige Lebensschule ist, die die Kinder normalerweise durchmachen. Sie werden stark im Geist dieser Welt, im Manipulieren und Konkurrieren, aber nicht in Gnade und Wahrheit, was die Kennzeichen des Heiligen Geistes sind.

Ob man lernt, mit der Finsternis zu kooperieren und klar zu kommen, ist etwas anderes, als darin zu wachsen, mit dem Licht zu kooperieren und klar zu kommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.