Die andere Sicht

Jesus blickte aber auf und sah die Reichen ihre Gaben in den Schatzkasten legen. Er sah aber auch eine arme Witwe zwei Scherflein dort einlegen. Und er sprach: In Wahrheit hat diese arme Witwe mehr eingelegt als alle. Denn alle diese haben von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat aus ihrem Mangel heraus den ganzen Lebensunterhalt, den sie hatte, eingelegt. (Lukas 21,1-4)

Diese Worte: „Jesus aber blickte auf und sah…“ offenbaren uns ein großes Geheimnis. Wie leicht überlesen wir sie, weil wir die Geschichte hören wollen, die folgt. Die Einleitung aber ist es, die uns einen wesentlichen Aspekt davon zeigt, wie das Reich Gottes funktioniert: durch Offenbarung. Der Heilige Geist öffnet uns die Augen, dass wir sehen, was wirklich läuft. Die irdischen Augen sehen nur die Sachverhalte, die Oberfläche, der Geist aber lässt uns tiefer blicken und die Wirklichkeit erkennen. Unsere Augen sehen die Statistik, erfassen die Quantitäten, also etwa, dass die Reichen viel gegeben haben und die Witwe wenig. Jesus aber sieht das Gegenteil.

Das Makabre: einen Verse vorher (20,47) haben wir noch gehört, dass Jesus vor den Schriftgelehrten und reichen Sadduzäern warnt, die „die Häuser der Witwen verschlingen“.

Für das Management sind Häuser einfach Häuser. Es sind Zahlen. Welche Schicksale mit den Häusern verbunden, sind, ob sie Witwen oder Magnaten gehören, das ist irrelevant für den Markt. Vorteilhafter Weise warten die Immobilienhändler auf den Tag, da die Witwen versteigern müssen und ihre Häuser weit unter Wert verschlungen gekauft werden können. Die Reichen kaufen sie billig auf, peppen sie auf und verkaufen sie weit über Wert weiter. So das lukrative Geschäftsmodell. Mehr Witwen, die untergehen – besseres Geschäftsjahr! Ihre Augen sind geblendet. Sie sehen Geld, Jesus Schicksal.

Von dem Gewinn fließt auch etwas in die Kollekte – die Kirche bedankt sich bei diesen großzügigen Spendern und schreibt ihre Spendenquittungen, damit die Reichen es von der Steuer absetzen können. Der Pfennig der Witwe ist rechnerisch nicht der Rede wert und eine Bescheinigung für einen Pfennig – lächerlich. Aber „formal“ werden alle gleich behandelt… juristisch ist alles korrekt. Das ist die Sicht der Welt. Der Geist aber offenbart eine völlig andere Wirklichkeit dahinter. Diese weicht von dem vordergründigen Narrativ erheblich ab.

Wenn wir beginnen, unsere persönliche Erweckung zu erleben, dann öffnet der Geist auch uns die Augen und wir sehen unsere ganze Welt mit anderen Augen. Wir merken auf einmal, wie wenig wir gemerkt haben. Wir sehen die systemische Verkehrtheit, die endloses Unglück produziert und sich dessen nicht bewusst ist. Wir aber werden bewusst. Wie weit wir diese Bewusstwerdung/ Erweckung/ Augenöffnung zulassen, das ist stets die Frage. Denn was wir an Wahrheit alias Wirklichkeit zu sehen bekommen, ist nicht immer leicht zu verkraften. Wir haben uns ja eine Menge vorgemacht und uns die Wahrheit so zurechtgebogen, dass wir als „gute Menschen“ durchkommen.

Wie weit, wie tief, wie hoch wir es wagen, zu blicken, darum geht es. Wir könnten ganz licht werden, aber das braucht in dieser Welt eine Menge Mut. Denn die Blinden hassen die Sehenden und werfen ihnen vor, das (blinde) System zu stören. Jesus hat es das Leben gekostet. Juristisch einwandfrei…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.