Von der Selbstgerechtigkeit zur Selbstverantwortung

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Jesus sprach aber auch zu einigen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien und die übrigen für nichts achteten. (Lukas 18,9)

In diesem Vers wird ein interessanter Zusammenhang zwischen Selbstgerechtigkeit und Verachtung hergestellt. Die Selbstgerechten überheben sich über die anderen. Warum reicht es ihnen nicht, für sich selbst gerecht zu sein, sondern um sich über andere zu erheben?

Wahrscheinlich hat es schon jeder von uns erlebt, wie unangenehm es ist, wenn jemand sich über uns erhebt, sich ganz selbstverständlich für überlegen hält und elitär verhält. Dieses Phänomen erklärt viel Ungerechtigkeit in der Welt. Und es wird nicht von den „Ungerechten“ produziert, sondern von den Gerechten, wie den Pharisäern, die beten: „O Gott, wir danken dir, dass wir nicht wie die übrigen der Menschen sind!“ (18,11).

Sie sind gebildet, sie sind belesen, sie sind diszipliniert. Sie sind die Karriereleiter hochgestiegen, haben es geschafft, sind „oben“. Wunderbar! Aber sie erliegen der Versuchung, zu meinen, dies alles erweise sie als besser, gerechter, berufener, besonderer, etc. als „die anderen“. Diese Zerteilung in „Wir sind die Guten“ und „der Rest sind die anderen“ ist von übel, denn auf diese anderen können wir alle unsere Ängste und Klagen, Ablehnung und Minderwertigkeit – unsere Schatten – projizieren.

Nur, dass es diese „anderen“ gar nicht gibt!

Lernen wir sie kennen, werden wir bald merken, sie sind wie wir, sie sind Menschen, die genauso einzigartige Qualitäten haben, wie wir. Das ist der Grund, warum so starke Trennungen aufgebaut werden, dass wir einander normalerweise NICHT kennenlernen, uns in verschiedenen Kreisen, Kasten und Kantinen bewegen, so dass die Projektionen derer „da oben“ auf jene „da unten“ funktionieren. Aber andersherum läuft es genauso. Die „unten“ können ihre Schatten mit der gleichen Selbstgerechtigkeit auf die „oben“ projizieren und meinen, sie seien für ihr Unglück verantwortlich.

Jesus warnt uns: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht. (18,14) Die Betonung liegt auf SELBST. Nur wir selbst können unsere Schatten für uns selbst behalten und verantworten, anstatt sie anderen anzuhängen und sie zu verachten. Das eine ist Demut, das andere Hochmut.

Wir können wie der Zöllner sagen: „O Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (18,13) Dem Demütigen gibt Gott Gnade. Die GNADE ist es, die unserem inneren Schatten ermöglicht, aus der Verdrängung heraus ans Licht zu treten und sich dadurch zu transformieren und zu integrieren oder aber zu erklären und aufzulösen.

Leider gehen auch viele Christen in die Position des Pharisäers, wollen mit Gottes Hilfe überlegen sein und verachten auf oft skurrile – oder sagen wir scheinheilige – Art und Weise die „anderen“. Und es ist im Kern ein Mangel an Gnade, der sie in dieser Haltung religiöser Überlegenheit hält.

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