Die Kunst der Vergebung

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„Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, so vergib ihm.“ (Lukas 17,3)

Das schreibt sich so einfach, aber was ist, wenn mein Bruder gar nicht zurechtgewiesen werden will? Ist Sünde denn nicht „Privatsache“?

In meinen Jahren der Gemeindeleitung habe ich es höchst schwierig gefunden, irgendjemanden – erwachsene Leute – auf ein Fehlverhalten hinzuweisen. Die Reaktionen fielen in der Regel hoch empört aus und führten zu Spannungen, Parteiung, Ablehnung und Gemeindekonflikten ohne Ende. Reue habe ich eher selten gesehen.

Das andere Extrem waren Leute, die ich nur als sich berufen fühlende Fehlerfinder bezeichnen kann. Sie waren gesetzlich, kontrollierend und scharf wie Bluthunde, um jedermanns Sünde aufzuspüren. Sie hatten den „Dienst der Ermahnung“ – ihrer eigenen Meinung nach natürlich. Auch solche Leute zerstören die Gemeinde.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich in der Gemeinde schwerwiegendere Sünden erlebt, als etwa auf meiner „weltlichen“ Arbeitsstelle. Bei den Christen ging es krasser zu, als bei den Ungläubigen. Wie kann das sein?

Was früher Sünde war, ist es heute nicht mehr. Viele Begriffe sind ganz aus der Mode gekommen. In einer egomanischen (Individualismus), Mammon-getriebenen Kultur ist das nicht verwunderlich. Gott ist in dieser Gesellschaft nur zum Segnen da. Dafür kommen Menschen in die Gemeinde.

Aber zurück zu den Worten Jesu. Wenn als ein Bruder seine Sünde bereut, sollst du ihm vergeben. Selbst wenn er „siebenmal am Tag an dir sündigt und siebenmal zu dir umkehrt“ (Vers 4).

Aber wenn er nicht bereut und umkehrt? Dann sollt du ihm auch vergeben – diesmal nicht um seinetwillen, sondern um deinetwillen. Es gibt ein Vergeben um des Seelenheils des Bruders willen und es gibt ein Vergeben, um deines eigenen Seelenheils willen.

Vergebung ist der Preis der Freiheit. Ein rigoroses und ständiges Loslassen. Nichts muss dich festhalten und auch du sollst nichts festhalten. Und das betrifft nicht nur Menschen, auch Umstände, Leiden, Stress, Angst, usw. Das alles muss Jesus übergeben werden, Tag für Tag, damit du frei sein kannst. Meiner Meinung nach ist das die erste christliche Grundübung überhaupt.

Am Anfang gelingt dieses umfassende Vergeben vielleicht nur Minuten und in diesen Minuten bist du frei. Mit mehr Übung gelingt es Stunden – und du bist für Stunden frei. Dann gelingt es einen Tag – und du bist einen Tag lang frei. Ein seliger Tag…

Für mich sind Menschen, die damit über einen Tag hinausgehen, ja, die einen Lebensstil der Vergebung kultiviert haben, wahre Meister.

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