Von gehorsamen Sündern und murrenden Frommen

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Es nahten aber zu ihm alle Zöllner und Sünder, ihn zu hören… und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten… (Lukas 15,1-2)

Eine erstaunliche Schriftstelle!

Heute nahen sich ihm nur die bekehrten, getauften, Gemeinde-integrierten Christen – und auch die nur teilweise und kaum je soweit, dass tatsächlich Jünger aus ihnen werden. Wie kommt das? Wie war (und ist) Jesus, dass es die Frommen (Pharisäer und Schriftgelehrten) waren, die gegen ihn murrten und die Sünder, die sich ihm nahten – statt umgekehrt? Das muss uns doch sehr erstaunen!

Einige Verse zuvor heißt es, dass „eine große Volksmenge mit ihm ging“ (Lk 14,25). Denen hielt er – sowas von Besucher-unfreundlich – eine krachende Rede über die „Bedingungen der Nachfolge“. Das muten wir heute nicht einmal den Bekehrten, Getauften und Gemeinde-Integrierten zu. Wie konnte Jesus nur der „Menge“ so etwas predigen? Und was fanden die „Zöllner und Sünder“ ausgerechnet daran so toll, dass sie Jesus dringend hören wollten?

Einige werden sagen, dass es seine Wunder waren, aber der Kontext der genannten Bibelstellen ist gerade hier einmal keine Wundertätigkeit, sondern eben eine Predigt über die Bedingungen der Nachfolge. Jesus hat es den Leuten nicht leicht gemacht – und die fanden das offenbar sehr ansprechend.

Uns kommt das alles ganz verkehrt herum vor. Unsere Evangelisation sieht komplett anders aus – und die Sünder zeigen sich weitgehend desinteressiert. Wir predigen ihnen, was sie von Jesus alles haben und kriegen könne und er predigt ihnen ganz im Gegenteil, was er von ihnen verlangt. „So kann nun keiner unter euch, der nicht allem entsagt, was er hat, mein Jünger sein.“ (14,33). Aua! Das klingt ja total nach Sekte! Hör auf Jesus, so extreme Sachen zu sagen!

Zwei Verse weiter lesen wir, dass ALLE Zöllner und Sünder ihm nahten, um ihn zu hören…

Würden wir heutigen „Jünger“ bei Jesus stehen, der der „Menge“ und den „Sündern“ so etwas sagt, wie würden wir reagieren? Wie peinlich wäre uns das? Würden wir nicht hinter seinem Rücken Schadensbegrenzung betreiben, indem wir die Aussagen abschwächen und den Leuten so lange „erklären“, bis keinerlei Anspruch mehr in den Worten steckt, sondern nur noch „Jesus liebt dich!“?

Für mich zeigt sich hier, wie an so vielen Bibelstellen, wie sehr wir von dem echten Jesus und dem wirklichen Evangelium abgewichen sind. Es geht nicht mehr um Gott, sondern es geht um den Menschen. Wir wollen nicht „allem absagen, was wir haben“, ganz im Gegenteil wollen wir mit Gottes Segen und Salbung mehr Habe haben und kriegen. Unser Bedarf und nicht seiner steht im Zentrum der humanistischen Kirche. Ein Blick in die werbewirksamen Hochglanzbroschüren und stereotypen Webseiten der Gemeinden zeigt es überdeutlich. Gott ist dafür da, den Menschen zu dienen. Wofür sonst soll er gut sein?

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