Verirrt, verwirrt, verwaist

Und sie sprachen: Auf, wir wollen uns eine Stadt (Babel) und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! (1. Mose 11,9)

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„Es gibt viel zu bauen, packen wir‘s an!“ Diese Leute wollten eine mächtige Stadt und einen Turm bis in den Himmel bauen. Ein Symbol der Macht, das oben drauf wahrscheinlich das allsehende Auge tragen sollte, denn man ging damals davon aus, die Erde ist flach. Ist der Turm nur hoch genug, könnte er alles überblicken und kontrollieren. So würde die „Einheit“ gewahrt. Die ganze Welt würde sich um diesen Turm her ansiedeln und unter seiner Aufsicht nicht zerstreuen.

    Zudem war der „Tower“ himmelhoch. Es brauchte nicht mehr Gottes Gnade, um in den Himmel zu kommen, sondern der Mensch konnte sich selbst hocharbeiten und den Göttern gleich machen, die über der Erde thronen.

    All das sind Metaphern für die grundlegende Hybris des von Gott abgekoppelten Menschen, der meint, sein eigenes Paradies schaffen (kaufen) zu können und sich selbst voran zu bringen und auf der Karriereleiter aufzusteigen bis in den Vorstand. Er kann sich selbst optimieren, organisieren, modifizieren und schließlich in einen gottgleichen Zustand transzendieren. Klingt stressig und ist es auch. Ein Mensch kann man dabei freilich nicht bleiben. So liegen die Wurzeln des Transhumanismus schon weit zurück in Babel.

    In der Übersetzung der „Guten Nachricht“ wird angemerkt: „Im Akkadischen bedeutet der Name Babel „Tor Gottes“.“ So wollten die Bauleute eine Verbindung, einen Kanal, ein Portal (Stargate) erschaffen, durch das sie nach Belieben in die göttlichen Dimensionen hinüberwechseln könnten. Bis heute wollen die „Architekten der Anmaßung“ diese Portale bauen und haben durch die Jahrhunderte auch immer neue errichtet – meistens im Zusammenhang mit Menschenopfern in großem Maßstab und viel Blut. Dämonen haben sich stets angeboten, in der Sache zu helfen… 

    Der Wunsch, die Grenzen zu überwinden, Erde und Himmel zu „erobern“, ist eine Triebfeder des so genannten „Fortschritts“, den man früher „Imperialismus“ nannte. Gott hat jedem Element und Wesen der Schöpfung einen Platz und eine Kraft gegeben, sich dort zu entfalten und zu wirken. Nur dass der Mensch aus „Eden“ herausgeflogen ist und keine Heimat mehr hat, er erschafft sie sich jetzt selbst – auf Kosten der kompletten Schöpfung, die er aus ihrer Ordnung stößt, indem er sie missbraucht und ausbeutet. Permanent übertritt er die Grenzen  und Ordnungen der Natur, dringt ein, wo er es nicht sollte und nimmt sich, was ihm nicht gegeben ist. Denn er weiß nicht, wo er hingehört und was ihm gegeben ist. Im Sündenfall hat er sich selbst ultimativ verraten und verkauft.

    Das hebräische Wort für Babel ist „Verwirrung“ und zeigt damit die Kehrseite der Selbstvergottung und Eroberung von allem, um die volle Dominanz, Kontrolle und Verfügung zu haben. Einen Turm in den Himmel bauen zu wollen, zeugt von perversem Größenwahn und der Fortsetzung jenes in Eden begonnenen Sündenfalls. Verirrte und verwirrte Menschen, die spirituell verwaist sind, wollen etwas „Großes“ bauen, um sich selbst zu beweisen und Denkmäler zu setzen, aber es kann nur herauskommen, was drin ist: Verirrung, Verwirrung und Verwaisung. Solche Leute sitzen in ihrem Turm, der ihr selbstgebautes Gefängnis ist, welches von der Wirklichkeit abgeschottet ist und zu seinem Erhalt ihr ganzes Leben auffrisst und unendliche Mittel verschlingt. Denn die Fassade wird bröckeln, das Material ermüden, die Kosten für die Sanierung der Risse im Fundament ins Unermessliche steigen.

Der Turm fordert große Opfer. War er ursprünglich  vielleicht als utopischer „Segen“ gedacht, wird er zum Fluch, zum Moloch. Alle hierarchischen Systeme enden dort. Je größer die anmaßende und selbstüberschätzende Macht wird, desto mehr Verwirrung kommt dabei heraus. Nur mit Gewalt kann die unnatürliche, widergöttliche und antimenschliche „Ordnung“ aufrechterhalten werden – für eine Zeit lang. Dann fällt der Turm und ein „besserer“  muss her. Wir arbeiten daran…

„Es gibt viel zu bauen, packen wir‘s an!“