Die Evolution Babylons

Und die große Stadt wurde in drei Teile gespalten, und die Städte der Nationen fielen, und der großen Stadt Babylon wurde vor Gott gedacht… (Offenbarung 16,19a)

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Überall in der Welt wachsen die großen Städte heran zu gigantischen Metropolen mit Millionen von Einwohnern. Weite Teile der Bevölkerung leben in diesen Städten. Eine solche Großstadt zu regieren, ist eine gewaltige Aufgabe, denn eine Stadt ist ein fragiles Unternehmen. Ehe man es sich versieht, verliert sie ihre Integrität und zerfällt in Bezirke, die wenig miteinander zu tun haben und eigene Szenen und Clans beherbergen. Schneller als man es glauben kann, entstehen soziale Brennpunkte und Slums am Rande der „City“. Strom, Wasser, Abwasser, medizinische Versorgung, Müll, Straßen, Häuser, Parks, usw., alles muss unentwegt erhalten, renoviert und erneuert werden. Wie bei einem Organismus gibt es eine Grenze des gesunden Wachstums. Diese wird von den Bürokraten Babylons beflissentlich übersehen. Sie wollen immer weiter und höher bauen. Der Kollaps ist vorprogrammiert… all die zuvielen Menschen müssen dann wieder weg… aber wie und wohin?  

Wären Millionen von Dörfern, die sich im Wesentlichen selbst um sich kümmern, nicht besser als eine Millionenstadt, in der niemand mehr sich selbst versorgen kann? Anstatt in die Höhe in die Fläche zu bauen, ist das nicht viel vernünftiger? Babylon versteht das wohl, aber es will keine selbständigen und entsprechend selbstbewussten Menschen, die Babylon nicht brauchen, es will abhängige und kontrollierte Menschen, die sie als „Humanressource“ nach geschäftlichen Interessen lenken kann.

War die Stadt eigentlich mal für Menschen gedacht, werden nun die Menschen für die Stadt gedacht. Sie werden ihren Bedürfnissen angepasst, anstatt umgekehrt. Die Institutionen verselbständigen sich und entfalten ein Eigenleben. Behörden reichen sich in ihrer bis ins Groteske optimierten Arbeit selbst; was stört, sind die „Kunden“ und „Verbraucher“. Sie sind lästig. Wären sie fort, würde alles wie am Schnürchen laufen… So kommt es, dass die Verwaltungen, die eigentlich mal für die Leute gearbeitet haben, zunehmend menschenfeindlich werden und genug mit sich selbst zu tun haben.

Zudem geht es immer mehr um Funktionen und Finanzen, was die Problematik verschärft. Die „Beamten“ verdienen sehr gut, normalerweise viel mehr als die Kunden, die zunehmend unter dem ökonomischen Nutzen  betrachtet werden. Klassen entstehen: Privatkunden, Privatkassen, Privatpatienten, Privat-Kredite…

In Babylon kann man sich alles kaufen. Verdienst und Ansehen gehen zusammen. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die einen sind wer, die anderen nichts… Die einen arbeiten für Geld, während das Geld für die anderen arbeitet. Frieden kann es so nicht geben. Denn „die da unten“ grenzen sich „gegen die da oben“ ab und umgekehrt. Beide Gruppen leben im Turm Babylons auf unterschiedlichen Ebenen. Die einen kennen die Normalität der anderen nicht, obwohl sie in einer Stadt leben und in einem Turm arbeiten.

Am Ende des Liedes steht grassierende Dekadenz und Korruption. Das „System“ gerät in immer größere Schieflage, es „lebt“ nur noch für seinen Selbsterhalt, der immer teurer wird. Egal, über wie viele Leichen zu gehen ist, der „Apparat“ tut es, denn ohne Kollateralschäden geht es eben nicht weiter…

Dann kommt die Klage der geschädigten und ausgebeuteten Menschen vor Gott. Er schaut sich die Städte an, die die Menschen im Geiste Babylons errichtet haben, um unendliche Geschäfte zu machen, von denen die Mehrheit nichts weiß und nichts bekommt. Er sieht die chronische Intransparenz und systemische Anmaßung der „Stadt“ und wird für sie tun, was sie selbst nicht für sich tun kann: sie zerlegen in die Dörfer, in denen Menschen wieder auf einer Ebene miteinander leben und keine Hierarchie brauchen und ein Minimum an Bürokratie reicht. Von der Fremd- zur Selbst-Verwaltung. Die Prestigebauten und Bettenburgen werden durch die Natur eingerissen und durch Mangel an Wartung unbewohnbar. Die Ruinen Babylons werden in aller Welt von den Händlern betrauert werden, deren Geschäfte vorüber sind, weil die meisten ihrer Waren für die Menschen außerhalb Babylons völlig nutzlos sind. Sie wurden sowieso nur noch für den raschen Verbrauch, sprich für die Müllkippe, produziert. In Museen werden allerlei Güter ausgestellt werden, deren Sinn sich den erstaunten Betrachtern nicht erschließen will, denn sie haben keinen. Genau wie Babylon.